ECUADOR

 

ALLES NOCH DA

Am letzten Abend in der Heimat lassen wir es uns in vertrauter Gemeinschaft kulinarisch nochmals so richtig gut gehen. Wieder verabschieden wir uns von Familie und Freunden sowie von Schnitzel, Schäufele, Bratwurst, Matjesheringen und von unserem guten fränkischen Bier.


Um 6 Uhr geht unser Flug von Nürnberg über Amsterdam nach Quito. Da wir beide keine Frühaufsteher sind, lassen wir die anstehende, eh nur kurze Nachtruhe ... ausfallen und kochen uns stattdessen noch einen Kaffee. Ein letztes Mal gehen wir die Checkliste durch, dann machen wir uns auf den Weg zurück ins Abenteuer. Wir stellen uns  auf einen langen Reisetag ein. Die lange Flugzeit von insgesamt etwa 13 Stunden überbrücken wir mit Lesen im Reiseführer und ein oder zwei Nickerchen. Die Vorfreude wächst.


Hans, der Inhaber der Finca Sommerwind, wo wir unseren Otto geparkt haben, holt uns vom Flughafen ab. Er schmeißt die Rucksäcke auf die Ladefläche seines alten Pickups und los geht’s. Der Szenenwechsel ist wieder krass, aber begeisternd. Indigene, in ihren schönen Trachten, laufen geschäftig durch die Straßen. Viele wilde Hunde finden zielsicher ihren Weg durch Autoschlangen und Menschen- ansammlungen. Die Straßenkünstler an den Ampeln jonglieren ihre Bälle, Keulen oder brennende Fackeln. Alles ist noch da, auch der leicht chaotische Verkehr und die langsamen LKW, die sich über die Berge der Anden Richtung Norden quälen.
 

Hans fährt flott, immer Ideallinie, mal links mal rechts an den schnaufenden schwerbeladenen Trucks vorbei. Kurz vor Ibarra taucht der mächtige Vulkan Ibarrura auf. Dieser herrliche Berg hat uns schon vor unserer Abreise fasziniert und damit den Grundstein unserer Vorfreude auf die bevorstehende Etappe über die Anden gelegt.
 

Vor 20 Stunden haben wir die Haustüre verschlossen und sind losgefahren. Jetzt ist es geschafft. Hans stoppt seinen alten Pickup direkt vor unserem treuen Freund Otto. Selbiger lacht, nimmt uns freudig in Empfang, verschluckt gierig unsere Rucksäcke und ... springt an auf die allererste Umdrehung des Anlassers. 
 

Alles noch da, auch das Reisefieber!
 

19. bis 22. September 2018

"DAS SUPERTALENT"

 

Während Hans noch mit Otto beschäftigt ist, gehe ich zum Markt in ein nahegelegenes Dorf, von dem ich bereits vor unserem Reiseantritt gehört habe.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als 2011 das Finale des Straßenfegers „Supertalent“ im Fernsehen lief. Keiner konnte sich dem spirituellen Panflötenspiel von Leo Rojas entziehen, der bis dahin in den Fußgängerzonen Berlins spielte. 

Der in Ecuador geborene Indianer gewann den Wettbewerb und machte damit eine ganze Nation am anderen Ende der Welt stolz. Bereits damals setzte ich im Norden Ecuadors, bei seiner Geburtsstadt, einen Punkt in die Landkarte. Jetzt bin ich hier in Otavalo, der Stadt, die außerdem bekannt ist für den großen Samstagsmarkt der allwöchentlich stattfindet.

MITAD DEL MUNDO 

 

Der Äquator, der Namensgeber des südamerikanischen Landes Ecuador, eine Linie rund um unseren Planeten teilt die Erde in eine Nord- und eine Süd-Halbkugel. So oder so ähnlich lernen wir es in der Schule im Geographie-Unterricht. Dadurch entsteht gedanklich ein Oben, der Norden, und ein Unten, der Süden. Ganz so einfach jedoch ist das Ganze nicht, denn bei einem im Weltraum schwebenden und sich drehenden Planeten gibt es kein Oben und kein Unten.

 

Als Besucher von Ecuador ist es geradezu selbstverständlich, die Stelle des Äquators aufzusuchen, die Linie zu überschreiten oder zu überspringen und natürlich entsprechende Fotos zur Dokumentation dieses besonderen Ereignisses anzufertigen. Der Äquator befindet sich auf einer Linie mehrere Kilometer nördlich der Hauptstadt Quito und deshalb existieren mehrere (genau genommen unzählige) Orte an denen eine Überschreitung möglich ist. Wir besuchen drei dieser imaginären Positionen, die alle mehr oder weniger von sich behaupten, den exakten Verlauf des Äquators aufzuzeigen.

 

Am ersten Platz, in der Nähe des Vulkans Cayambe, dem einzigen Vulkan auf der Äquatorlinie, erfahren wir von einem sehr engagierten jungen Mann viel geographisch Wissenswertes. Auf einem kreisrunden, gepflasterten Platz in dessen Mitte sich eine senkrechte Röhre befindet, strahlt das Sonnenlicht am 23. März (Frühlingsanfang) und am 23. September (Herbstanfang) exakt in diese Röhre und erleuchtet eine darunter befindliche Zielscheibe genau in der Mitte. Rein zufällig waren wir am 23. September vor Ort und konnten uns von diesem Schauspiel überzeugen. Auch erfahren wir hier, dass die Aufteilung der Erde in Nord und Süd falsch ist, da nur die Himmelsrichtung Ost die allein maßgebende Richtung ist. Nur die Orientierung nach Osten (Orient) macht eine genaue Bestimmung der aufgehenden Sonne, der Planeten und Gestirne möglich, wobei die bergige Landschaft Ecuadors am Horizont hilft, die sich täglich ändernden Positionen zu definieren. Damit ist die Ausrichtung von Landkarten und Globussen nach Norden recht fragwürdig, da es im Norden keinen echten Referenzpunkt gibt. Selbst der Nordstern steht nicht exakt über dem Nordpol. Nur der Blick nach Osten, also in Drehrichtung der Erde, liefert genaue Daten. Seit diesem 23. September sehen wir die Welt mit anderen Augen und wenden uns ... nach Osten

Mit diesem Wissen ausgestattet besuchen wir den nächsten Ort am Äquator in der Stadt San Antonio de Pichincha. Dort verläuft der Mitad del Mundo genau durch den kleinen Garten des Museums Intinan. Auch hier werden wir von einem jungen, eloquenten Studenten aufgeklärt, wobei er die Exaktheit seiner hier verlaufenden Äquatorlinie durch ein physikalisches Experiment untermauert. Ein Wasserbecken aus Messing dient der Beweisführung. Er stellt dieses Becken genau auf den Äquatorverlauf, befüllt es mit Wasser und siehe da, das Wasser fließt direkt nach unten ab, ohne eine erkennbare Drehung zu beschreiben. Anschließend trägt er das Wasserbecken wenige Meter nach Süden, befüllt es abermals mit demselben Wasser und lässt es abfließen. Diesmal entsteht tatsächlich ein Strudel mit einer Drehrichtung im Uhrzeigersinn. Dem nicht genug. Jetzt geht es wenige Meter auf die Nordseite der Linie. Wiederum wird das Becken mit Wasser gefüllt und beim Abfließen dreht es sich, wahrscheinlich aus magnetischen Gründen, in entgegengesetzter Richtung, also gegen den Uhrzeigersinn. Wir sind begeistert und wissen, dass sich genau hier die Mitte der Welt befindet. Als ich dann noch in der Lage bin, ein rohes Ei auf einem Nagel zu platzieren, gibt es keinen Zweifel mehr. Hier ist der Ort, an dem Wunder geschehen.

Von all‘ dem erfahren die meisten Touristen nichts. Sie werden in eine feudal angelegte Parkanlage, unsere dritte Äquatorstation, in der gleichen Stadt, geführt. Bewachte Parkplätze nehmen die Fahrzeuge der vielen Besucher auf, die anschließend über Drehschleusen zum imposanten Äquatormonument geleitet werden. Und da steht er, der weltbekannte, dreißig Meter hohe Monolith mit Weltkugel, dessen vier Seiten in die vier Himmelsrichtungen zeigen und eine gelbe Linie die Ost-/West-Richtung, den „La Mitad del Mundo“ beschreibt. Das Bauwerk kann über einen Fahrstuhl bestiegen werden. Von oben hat man dann einen guten Ausblick über die gesamte Anlage und den Verlauf des Äquators. Mehrere Museen, ein Planetarium sowie zahlreiche Restaurants und Shops komplettieren das Angebot. Es wäre kleinlich anzumerken, dass die genaue Position 240 Meter entfernt liegt. HJ

23. September 2018

 

PUNKTLANDUNG 

Nachdem wir in Quito beim Zoll, gleich in der Nähe des Flughafens, die Aufenthaltserlaubnis für unser Fahrzeug verlängert haben, machen wir uns auf den Weg zum für uns ersten großen Highlight dieser Reiseetappe, dem schneebedeckten Vulkan Cotopaxi. Schon von weitem können wir den imposanten Riesen mit einer Höhe von 5987 Metern ausmachen. Unwirklich ranken seine Flanken aus dem Boden. Der Gipfel allerdings versteckt sich unter einer dicken weißen Wolke. Im Umfeld ist der Himmel blau und wolkenlos.


Wir sind noch ein gutes Stück von der Einfahrt zum Nationalpark entfernt und ich kann nicht aufhören, Fotos zu schießen, wohlwissend, dass keines dieser Bilder gut genug für eine engere Auswahl sein wird. Andauernd wandert die dicke „Sahnehaube“ dieses überdimensionalen Cupcakes weiter nach oben. Vielleicht haben wir ja Glück und erhaschen heute noch einen kurzen Blick auf den kompletten Berg.

Kurz vor 15 Uhr erreichen wir die südliche Einfahrt in den Nationalpark. Über eine holprige Straße kommen wir dem Vulkan immer näher ... und als wir das Hochplateaus auf 3800 Metern erreichen, lupft der Cotopaxi wie zur Begrüßung seinen Wolkenhut für uns. Punktlandung nennt man das wohl.

Was wir wirklich an diesem Nachmittag für ein Glück mit dem Wetter hatten, erleben wir dann am nächsten Morgen. Dicht steht der Nebel vor unseren Fenstern. Dick eingemummt wandern wir noch um die dortige Lagune, doch der Berg bleibt an diesem Tag gänzlich verschwunden. 

24. September 2018

 WIEVIELE FARBEN HAT DIE ERDE ?


Ecuador ist ein besonders schönes Reiseland für uns. Auch auf der Fahrt nach Zumbahua wird dies wieder deutlich. Die Landschaft mit den steilen Hängen, die sich in allen Schattierungen der Grundfarbe umbra zeigt sowie die Menschen am Straßenrand, in ihren bunten traditionellen Trachten und den markanten Hüten, machen uns bewusst, dass wir in Südamerika sind.


Am Abend wandern wir noch ein Stück am steilen Rim des Kratersees Quilotoa entlang und sind begeistert vom Ausblick auf sein topasblaues Wasser. Unser Nachtlager finden wir in einem neuen Tourist-Camp, das von Einheimischen betrieben wird.

25. September 2018

Wieder ist es bereits früher Nachmittag als wir uns einem weiteren Superlativ Ecuadors nähern und wieder ist es ein Berg. Wir sind auf dem Weg zum höchsten Berg der Erde, zumindest vom Erdmittelpunkt aus gemessen. Der Chimborazo, ein seit langem erloschener Vulkan, nimmt diesen Platz ein, da er sich nahe der Äquatorlinie befindet und am weitesten ins All hinausragt. Auf seinem Gipfel ist man sozusagen der Sonne am nächsten.

 

Da wir wissen, welches Glück wir mit dem Wetter am Cotopaxi hatten, wagen wir nicht darüber zu reden, ob uns der Wettergott auch diesmal wohlgesonnen sein wird. Endlos zieht sich die Serpentinenstrecke hinauf auf das Hochplateau. Durch das offene Fenster nehmen wir den Duft der hohen Eukalyptusbäume wahr. Von der Hauptstraße über den Pass biegen wir in einen unbefestigten Seitenweg ab und fahren weiter bis auf eine unbewohnte Hochebene auf über 4250 Meter. Hier wollen wir bleiben und abwarten. Wildlebende Vicuñas grasen in kleinen Herden an den auslaufenden Hängen des Riesen. Wir sind vollkommen alleine, alles Menschliche ist verschwunden. Wir spüren das mächtige Gegenüber, das hinter den Wolken verborgen ist, sehen können wir den 6310 Meter (über Meeresspiegel) hohen Chimborazo nicht.
 

DER SONNE AM NÄCHSTEN

Zwei Tage verbringen wir hier oben. Ernesto, ein Lamahirte, der hier oben mit seinen Tieren lebt und uns allmorgendlich einen kurzen Besuch abstattet, unterstreicht diese meditative Stimmung. Das sind die Anden. So haben wir es uns immer vorgestellt, doch anfühlen tut es sich in Wirklichkeit noch viel besser ... und dann stand er vor uns, der Chimborazo, unglaublich mächtig und wolkenlos.

26. bis 28. September 2018

 

 EIN HUT EROBERT DIE WELT 

An der Küste Ecuadors wachsen die Toquilla-Palmen. Aus deren Blättern wird in aufwändiger Handarbeit der Rohling für den weltberühmten Panama-Hut hergestellt. Die Blätter werden gekocht, getrocknet, in dünne, lange Fasern aufgefächert und gebleicht. Anschließend verknüpfen die Hutweber diese Strohfasern durch unterschiedliche Webarten miteinander, wodurch sehr verschiedenartige Grundmuster entstehen. Die flächigen Rohlinge werden dann geformt, gezogen, gedämpft und gepresst bis nur noch die überstehenden Strohfasern zur Krempe zurückgeflochten werden müssen. Weitere Veredelungsmaßnahmen, wie bügeln, glätten und färben schließen sich an, wobei diese Arbeitsschritte von mehreren Manufakturen vorgenommen werden. Insgesamt entscheidet das manuelle Geschick der Hutmacher, deren Kreativität, Feinsinnigkeit und Sorgfalt ausschlaggebend ist für Qualität und Preis.



Der Bau des Panamakanals verursachte durch die dortige Anwesenheit von vielen Kaufleuten, Ingenieuren, Politikern und Arbeitern eine große Nachfrage nach Toquilla-Strohhüten aus Ecuador. Aufgrund ihrer Leichtigkeit und hohen Qualität waren sie ideal zum Schutz vor der Sonne. Von Panama aus wurde der Hut international bekannt und alle nannten ihn „Panama-Hut“, obwohl er ... aus Ecuador ...stammt.

Wir besichtigen das Familienunternehmen Homero Ortega mit Sitz in Cuenca, welches in der fünften Generation Panamahüte produziert. Das Leben des Firmengründers, Homero Ortega, konzentrierte sich auf die Produktion dieses Strohhutes. Bereits in seiner Kindheit widmete er sich dieser Tätigkeit, die er von seinem Vater, Aurelio Ortega García, erlernte. Gemeinsam wagten sie sich über die “El Cajas” Strecke zum Hafen von Guayaquil/Ecuador, wo sie ihre Hüte an und auf Schiffen an Geschäftsleute verkauften, die sie schließlich nach Panama brachten.

03. Oktober 2018

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