BELIZE

Zentralamerika

Belize, Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua, CostaRica, Panama                                                                              Februar 2018                                                                    

 

¡ ZWICK MICH !

Ein neues Reiseland zu betreten bringt es mit sich, den Office-Bereich in unserem mobilen Appartment neu zu sortieren. So wandern die uns seit einem Jahr vertrauten Reiseführer und Landkarten von México nach hinten. Beim glatt streichen der Landkarte denke ich an all’ die schönen Erlebnisse, die wir in Erinnerung behalten werden und dafür bin ich einfach zutiefst dankbar.

Nach vorne wandern die Bücher über „Belize“ und „Guatemala“. Mit dem Daumen fahre ich über das Cover des nagelneuen Reiseführers von Lonely Planet, auf dem in großen Buchstaben das Wort „Zentralamerika“ steht. Abenteuerlust und Vorfreude machen sich breit. Beim Betrachten der Landkarte wird uns wieder einmal bewusst, welche Strecke wir bereits zurückgelegt haben. Erstaunt und bewegt sitzt HJ vor der großen Amerikakarte und schüttelt ungläubig den Kopf. Da hilft es dann nur, wenn ich ihn zwicke, damit er begreift, dass alles Wirklichkeit ist. 

 


 

NICHT NUR EIN WINK !

Die Grenzformalitaten sind relativ unkompliziert. Trotzdem dauert die ganze Prozedur mit Fahrzeug desinfizieren, aus- und einführen, Paß- und Dokumentenkontrolle, Sichtung des Innenraumes sowie das Abschließen einer Kfz.-Haftpflichtversicherung fast zwei Stunden. 

Bereits auf den ersten Kilometern wird deutlich: Belize ist anders! Zuckerrohrfelder erstrecken sich links und rechts der Straße bis zu Horizont. Die einfachen Holzhäuser stehen ausnahmslos auf hohen Stelzen. Am deutlichsten wird der Unterschied allerdings durch den hohen Anteil an afroamerikanischer, schwarzhäutiger Bevölkerung.

 

Natürlich fällt unser Fahrzeug auf, wenn wir durch kleine Häusersiedlungen rollen. Immer mustern uns schüchterne Blicke. Um das Eis zu brechen, winke ich freundlich aus dem Fenster und versuche Blickkontakt herzustellen. Meistens wird mein Gruß freundlich und lächelnd erwidert.

„Du bist ausdauernder als die Queen“, neckt mich HJ amüsiert. „Ich winke doch nicht grundlos; ich mache gerade einen kleinen Test,“ verteidige ich mein Verhalten. Und im Gegensatz zur Queen winke ich den Leuten nicht nur zurück, sondern ich winke ihnen zuerst zu. In der Kultur des Winkens macht dies den entscheidenden Unterschied. Durch meine aktive Geste bekomme ich sofort ein Gefühl dafür, wie die Menschen Fremden gegenüber eingestellt sind und welche Atmosphäre uns hier erwartet. So erkläre ich den wissenschaftlichen Hintergrund meines Verhaltens. Hier in Belize sind wir auf jeden Fall willkommen, so das Ergebnis meines Schnelltests.


Ich bin mir jetzt nicht sicher, womit ich Hans-Jürgen mehr beeindruckt habe, mit meinen Erläuterungen zur Winkkultur oder mit der Ausdauer beim Winken.
 

MISTER  P

Die Lamanai-Riverside in Orangewalk ist unser erstes Ziel. Wir beziehen einen schönen Stellplatz direkt am New River, der sich malerisch durch den Dschungel zieht. Von unserer kleinen privaten Terrasse aus gibt es viel zu sehen. Wir kommen uns ein bisschen vor wie am Amazonas.

 

Mister P, der Betreiber des kleinen Restaurants, zeigt uns beim Kaffeetrinken viele hier am Fluß lebende Vogelarten. Reiher, Ibisse, Große Kingfisher und auch seinen Liebling, den „Jesus Christ“, den er so genannt hat, weil er über das Wasser laufen kann. So erfahren wir bereits an diesem Nachmittag viel über den Dschungel und die nahegelegene Ausgrabungsstätte Lamanai.


„Schaut mal da drüben“, unser Gast streckt den Arm aus. Unser Blick folgt seinem Zeigefinger bis zu einem ..... Krokodil ....., das vor uns im Wasser treibt. „Manchmal kommen auch welche hier direkt ans Ufer“, erzählt uns Mister P, „und wir sollten uns etwas in Acht nehmen!“ Kein Problem!!! Wir hatten eh’ nicht vor im Fluß zu baden.

Am nächsten Tag holt uns ein Schnellboot direkt vor unserer „Haustür“ ab. Seine 400 PS lassen uns scheinbar über das Wasser schweben. Die Wolken spiegeln sich in der aalglatten Wasseroberfläche des New River. Diese Fahrt hat für uns etwas abenteuerliches. Unterwegs sehen wir wieder viele Vögel und auch kleine Krokodile.

 

Nach einer Stunde erreichen wir die im Dschungel versteckt liegenden Pyramiden von Lamanai. In den Baumwipfeln tummeln sich Brüllaffen und Spydermonkeys. Im Vergleich zur Besichtigung der Pyramiden von Tulum und Chichen Itza gleicht diese Tour eher einem kleinen Ausflug unter Freunden. Unser Bootsführer spaziert mit uns durch die Anlage. Er hat Archäologie in México studiert und seitdem führt er täglich diese Tour. Mit großer Freude offeriert er uns ein feines Mittagessen, das seine Frau gekocht und in Plastikschüsseln zusammengepackt hat. Herrlich, wenn Tourismus noch so funktioniert. 

Lamanai bedeutet in der Sprache der Mayas soviel wie „untergetauchtes Krokodil“. Mit einer Besiedelungsdauer von etwa 3000 Jahren gehört Lamanai zu den nachweislich am längsten kontinuierlich bewohnten Mayastätten.  
Sie war selbst im 16. Jahrhundert, als die Spanier nach Belize kamen, noch besiedelt. Vertreter der Theorie, dass eine lang anhaltende Trockenperiode für den Zusammenbruch dieser Kultur verantwortlich war, sehen die günstige Lage am New River, mit seinem Süßwasser, als logische Erklärung dafür.

03. bis 05. Februar 2018

GOOD VIBRATIONS !

Letztendlich ist es doch immer Zufall, wo man Station macht und mit wem man zusammentrifft. Oder vielleicht doch nicht?
 

Lachend und total gut drauf kommt Shane auf uns zu, kaum dass wir angehalten haben. „Hey guys you are welcome, nice to meet you.“ Kommt rein, parkt euer Auto, richtet euch ein und dann lasst uns zusammen relaxen. Na das klingt doch schon mal richtig gut. Fünf Minuten später sitzen wir beim Kaffee vor seiner großen Hütte und erzählen unsere Geschichte. „Oh so cool guys! You are so crazy! What a phantastisch story! I love you guys!
You stopped here because you feel the good vibrations!“

Neben Milch und Zucker wird ein Fächer gereicht, den man ununterbrochen und lässig um sich baumeln lässt, um die Moskitos zu vertreiben. Nach und nach trudeln alle Mitglieder des Familienbetriebes ein. Es gibt diverse Brüder, Schwestern oder Cousins. Alle sehr aufgeschlossen und herzlich. Oma und Tante werkeln in der rustikalen Außenküche und bereiten das Abendessen vor. Es gibt Barracuda oder Hühnchen, Reis mit Bohnen und Salat mit scharfer Soße. Alles schmeckt köstlich.

Shane erzählt uns seine Geschichte: Er ist hier im Dschungel in der Nähe des Baboon Nationalparks aufgewachsen. Zur Schule war es ein weiter Weg. Meistens sind er und seine Geschwister viel zu spät zum Unterricht erschienen. „Macht nichts“, meinte der Lehrer dann immer, „ihr seid ja die aus dem Busch!“ Weil seine Oma so gut kochen kann, kam ihm die Idee mit dem kleinen Lokal. Er malte ein buntes Schild und platzierte es an der Straße zum Nationalpark. Seitdem halten Reisende auch bei ihm an. Manche bleiben auch, so wie wir, über Nacht.

 

Wir lauschen fasziniert seinen Geschichten von den Brüllaffen, die unüberhörbar in diesem Gebiet leben. Zwei große Brüllaffen-Familien haben ihre Reviere in diesem Areal, welches der Familie gehört. Seid seiner Kindheit beschäftigt sich Shane mit dem Leben dieser geräuschvollen Kletterer. Sie brüllen wie Löwen und auch um den Hals haben sie eine dicke Mähne. Mit jahrelanger Ausdauer ist es ihm gelungen, sehr nahe an die scheuen Tiere heranzukommen. Zu einzelnen Weibchen hat er eine richtige Vertrauensbasis aufgebaut. Sie reagieren, wenn er ihre Rufe nachahmt und klettern ihm entgegen. „Zeitweise kommen sie sogar bis hierher ins Lager“, erzählt er uns.


Nach dem Essen nimmt er uns mit auf Tour in die Welt seiner Affen.......

 

05. und 06. Februar 2018

 

TRAUMSTRASSEN

Der Hummingbird Highway führt von der im Inland liegenden Hauptstadt Belmopan aus nach Dangriga an die Karibikküste. Die Route verläuft durch dichten Dschungel über die nördlichen Ausläufer der Maya Mountains. Die gut ausgebaute Straße wird auch als Traumstraße Zentralamerikas bezeichnet.


Es ist regnerisch, warm und schwül, also genau das richtige Wetter für eine Fahrt durch den Regenwald. Otto scharrt bereits mit dem Hufen, das heißt Hans-Jürgen ist mit seinem standardmäßigem Rundumcheck schon durch und hat den Motor bereits angelassen, während ich den Kaffeetassen noch ihre Strumpfhauben verpasse und im Fahrzeuginnenraum für klar Schiff sorge. Letzte Durchsicht: Kühlschrank verriegelt, alle Lock-Verschlüsse gedrückt, Wasserpumpen aus, Inverter aus, Gas aus, Dachluken geschlossen, Fenster zu? Schnell schnappe ich mir noch mein Handy und den Reiseführer bevor ich auf meinen Logenplatz im Fahrerhaus klettere und meinen Vollzug melde. Oh wie schön, mein Chauffeur hat heute auch noch die Windschutzscheibe geputzt und lächelt, weil ich es sofort bemerke. All‘ diese Dinge sind bewährte Routinen und jeder hat seine festen Aufgaben. Rollen wir dann wieder ist vollkommen offen, was der neue Tag bringen wird. Mit jedem Kilometer erschließen wir uns einen weiteren Teil dieser abenteuerlichen Reiseländer.
 

Ganz Belize hat nur 370.000 Einwohner. Dementsprechend überschaubar ist auch die wenig attraktive Hauptstadt Belmopan, die wir hinter uns lassen. Schnell ändert sich das Landschaftsbild. Über sanfte, vom dichtem Regenwald überzogene Hügel windet sich die gute Straße, die sich vor einigen Brücken auf nur eine Fahrspur verengt. Vereinzelt ragen hohe Palmen aus dem nassen dampfenden Grün. Alte klapprige Lkws, vollbeladen mit reifen Orangen, haben den gleichen Weg.


Ein kleines Schild am Straßenrand mit der Aufschrift „Lamanai Chocolate“ stoppt uns. Ein schmaler Pfad durch Blätter, so groß wie aufgespannte Sonnenschirme, führt uns zu einer offenen Hütte. Roger aus Texas verkauft hier seine selbstgemachten Schokoladen, die alle 70 Prozent Kakaoanteil haben und mit Ingwer, Haselnuss oder Mint verfeinert sind. Hans-Jürgen ist begeistert vom für mich gewöhnungsdürftigen, herben Schokoladen-Granulat. Eben etwas für Kenner. Ich bevorzuge die zartschmelzende Tafel Milka Noisette oder gar die cremige Lindor, aber wie heißt es so schön, in der Not …

Wir cruisen weiter, aber nur kurz. Schon wieder ein Schild, diesmal mit der Aufschrift Kropfs Bäckerei. Für mich ein klares Stoppschild. Einfach herrlich dieses kleine Café. Es duftet verführerisch und tatsächlich werden in der angrenzenden Backstube gerade die Zimtschnecken aus dem Ofen gezogen. Oh Mann, oh Mann, diese Zimtschnecken, wie gemalt, riesengroß, mit einer Glasur aus Karamell und dazu auch noch ofenwarm.

Weiter geht die Fahrt durch Orangenplantagen vorbei an einer großen Saftfabrik, dem Zielpunkt der vielen mit Orangen beladenen Laster. Kurz vor der Küste biegen wir dann links ab zum Firmensitz von Marie Sharp.


Marie Sharp, eine resolute Frau und leidenschaftliche Köchin, die von ihren Kunden, wegen ihres außergewöhnlichen Gespürs für feine feurige Soßen und ausgefallene Marmeladensorten hochgeschätzt wird, hat dieses kleine Unternehmen im Alter von 72 Jahren gegründet. Die Qualität ihrer Produkte und ihr Geschäftssinn sind dafür verantwortlich, dass ihre Produkte Abnehmer in der ganzen Welt finden. Es wird nach USA, Europa und Südamerika exportiert. Momentan ist die mittlerweile fast 80jährige kleine Dame dabei, ein Vertriebsnetz nach Asien aufzubauen. Bei einem Betriebsrundgang können wir uns vom hohen Qualitätslevel überzeugen und natürlich decken wir uns im Werksverkauf mit „Scharfem“ und „Süßem“ entsprechend ein.

Die Sonne steht bereits tief als wir durch Hopkins rollen und einen Übernachtungsplatz suchen. Zum letzten Mal an diesem Tag folgen wir dem Pfeil auf einem kleinen Hinweisschild am Straßenrand. „Heute Abend LiveMusic“, das passt uns. Kurzentschlossen ankern wir neben dem einladenden Restaurant. Kurze Zeit später ist kein Parkplatz mehr zu bekommen. Im Lokal ergattern wir gerade noch den letzten freien Tisch. Coole Typen mit Rastazöpfen zelebrieren Reggae vom Feinsten. Hier in Belize wird Karibikfeeling mit allen Klischees bedient.                                                                                         07. bis 08. Februar 2018

 

TREFFPUNKT

San Ignacio wirkt zunächst nicht einladend. Die Stadt im Westen von Belize nahe der Grenze zu Guatemala ist klein, schäbig und laut. Zwei Tage stehen wir schon auf dem Campingplatz und erledigen unsere Office-Arbeiten. Erst der kulinarische Notstand im Kühlschrank zwingt uns wieder vor die Tür bzw. in die Stadt zu gehen.

Mit wenig Hoffnung aber großem Hunger machen wir uns auf den Weg zum „Ko-Ox Han nah“, einem Restaurant, das auf TripAdvisor sehr positiv bewertet ist. Überraschenderweise stehen hier tatsächlich viele junge Leute auf dem Gehsteig vor dem Eingang und warten auf einen freien Platz. Anstellen und auf einen Tisch warten ist ja nicht so unser Ding, aber hier inmitten von überwiegend jungen Backpacker-Touristen aus aller Welt macht das nicht nur Spaß, sondern ist auch sehr informativ.

 

„Euch kenn ich doch“, ruft ein junger Amerikaner und zeigt mit dem Finger auf uns. „Ihr seid die mit dem großen Truck; ich hab euch gesehen am Hummingbird Highway. I love your car!“

„Habt ihr schon die ATM Cave gemacht?“ fragen Carsten und Carina aus Deutschland mit denen wir kurze Zeit später zusammen am Tisch sitzen. „Das war so cool, diese Tour, durch eine der bekanntesten Höhlen Belizes, müsst ihr unbedingt mit Carlos machen. Ich schreib‘ ihn gleich mal an, dass er euch für einen der kommenden Tage einträgt.“

Das Essen schmeckt wirklich sehr lecker. Die Stimmung ist ausgelassen und lustig. Es gibt wie immer viel zu erzählen. „Hallo Katrin“, ruft jemand über die vielen Köpfe hinweg und winkt aufgeregt. Marie und Nicki, zwei junge Rucksackreisende aus Würzburg, die wir bereits in Orangewalk kennengelernt hatten, haben uns eben entdeckt. Sie sind gerade angekommen und wir verabreden uns gleich für den nächsten Abend.

Mit gutem Essen, bester Unterhaltung, weiteren Verabredungen und einer gebuchten Abenteuertour geht dieser wunderschöne Abend viel besser als erwartet zu Ende.
Makai Camping San Ignacio bleibt also auch die nächsten Tage unser Zuhause.

 

Nicki und Marie aus Würzburg

Carsten und Carina aus Saarbrücken

INDIANA  JONES

Es fängt schon mal damit an, dass ich keine Ahnung habe, was ich zu dieser Abenteuertour anziehen soll. Nach Informationen, die wir von anderen Reisenden haben, soll es vor allem NASS bis auf die Haut und KALT werden. Da kann ich ewig in meinem Schrank rumsuchen, ich find‘ nix zum Anziehen für diese unter dem Namen ATM Tour bekannte Höhlenbesichtigung im Dschungel. Noch schwieriger ist es mit dem richtigen Schuhwerk. Angeblich gut geeignet wären knöchelhohe Wanderschuhe mit groben Profil. Okay, hab‘ ich!   ... solche, die man nach der Tour bedenkenlos wegschmeißen kann. Hab‘ ich nicht!

Die Zeit drängt und so entscheide ich mich ... für meinen grünen Badeanzug mit dem prächtigen Korallenfingerfrosch und die schwarze Legginshose. Passt doch hervorragend zum Thema … und für meine Lieblingsturnschuhe, deren grobe Sohlen am Lagerfeuer in Moab verschmort sind und von denen ich mich bisher nicht trennen konnte.

Carlos, der Tour-Guide, steht vor der Tür und auch Marie, unsere Backpacker-Freundin ist bereits da.

Hans-Jürgen hatte klamottentechnisch keine Probleme. Er hat einfach wieder die Sachen von gestern und vorgestern angezogen. Nur um die Füße sieht er unmöglich aus. Damit seine guten Schuhe keinen Schaden nehmen, hat er sich eigens dafür Sandalen gekauft, was ja an sich noch nicht schlimm ist, aber jetzt kommt’s. Weil Strümpfe Pflicht sind, steht er jetzt da, in kurzen Hosen … mit Socken bis über die Knöchel … und diesen Sandalen. Da nützt es auch nix, dass die Strümpfe schwarz und nicht weiß sind. Hoffentlich kriege ich dieses Bild je wieder aus meinem Kopf.

 

Carlos, unser Indiana Jones, verspricht, dass wir aufgrund des vielen Regens der letzten Tage, eine Tour der Extraklasse erleben werden. Bei 85 US-Dollar pro Person und dem Verbot zum Fotografieren ist das ja auch absolut wünschenswert. Nach einer einstündigen Fahrt über Stock, Stein und durch tiefe Pfützen erreichen wir einen kleinen Parkplatz. Jeder Teilnehmer erhält eine Schwimmweste (!) und einen Kletterhelm mit Stirnleuchte. Es regnet in Strömen, aber niemand stört sich daran. Wir bekommen ein kurzes Briefing und machen uns auf den Weg.

Unsere Gruppe besteht aus 8 Personen. Carlos mit furchteinflößender Machete an der Spitze, dicht gefolgt von uns, den drei Deutschen, dahinter ein Zweierteam aus Texas sowie zwei Kanadier. Der tiefschwarze, matschige Weg endet abrupt an einem breiten, recht kräftig strömenden Fluß. Von Ufer zu Ufer, knapp unter der Wasseroberfläche, ist ein dickes Seil gespannt, welches die Richtung vorgibt und zum Festhalten dient. Während ich noch überlege, ob meine Schwimmweste festgezurrt ist, verschwindet Marie vor mir bis zum Hals in der braunen Brühe. Innehalten ist da nicht, die Amis drängeln schon hinter mir und auch Maries Hilferufe werden schon deutlich leiser.

So lauf ich also einfach weiter und lass‘ mir mein Entsetzen nicht anmerken. Auf den 50 Metern bis zum anderen Ufer versuche ich nicht an die Krokodile zu denken, die es in diesem Land wirklich zu Hauf gibt. Drüben angekommen, marschieren wir weiter als wär‘ nichts gewesen. In der folgenden Dreiviertelstunde durchschwimmen wir zwei weitere Flüsse und stehen dann am Eingang der Höhle, aus der ein klarer, angestauter Bach fließt.

Carlos ist sichtlich zufrieden mit der Leistung unserer Truppe und brieft uns erneut. „Schaltet die Lampen an, da drin wird es dunkel“, ruft er. „Wir schwimmen jetzt  rein, bleibt dicht zusammen und haltet euch rechts, achtet auf scharfe Felsen im Wasser und lasst euch von der Strömung nicht wegspülen.“ Es fallen keine Widerworte und nur Minuten später betreten wir eine „neue Welt“.

Wir schwimmen, laufen und klettern, stolpern über glitschigeFelsen und scharfkantige Steine, mal über und mal unter Wasser, zwängen uns durch enge Spalten. Riesige Stalaktiten und Stalakmiten leuchten im Scheinwerferlicht unserer Helmlampen. Immer tiefer dringen wir in das verwinkelte Höhlensystem ein. Manchmal erreichen wir große Räume, die vollständig trocken sind. In diesen Bereichen fließt der Fluss unterirdisch. Die Atmosphäre dort ist mystisch. Kein Wunder, dass hier die Mayas ihre Rituale zelebrierten. Zerbrochene Tonkrüge und Skelette zeugen davon. „Archäologen ordnen diese erst 1989 entdeckten Artefakte eindeutig den Mayas zu“, erklärt unser Indiana Jones. Ich kann nicht wirklich glauben, dass ich körperlich anwesend bin. Vielleicht habe ich doch nur eine 3D-Brille auf?

Nach all‘ den körperlichen Strapazen arbeitet mein Gehirn nur noch im Notfall-Modus. Es bleibt keine Zeit, die Gedanken zu sortieren. Carlos drängt zum Aufbruch. Wieder ein kurzes Briefing: „Ihr seid gut drauf, ich bin stolz auf euch! Wir nehmen den gleichen Weg zurück. Der starke Regen draußen hat die Flüsse weiter anschwellen lassen. Die drei Durchquerungen werden sicher noch etwas schwieriger. Good luck!“

Letztendlich war alles machbar und jeder Teilnehmer dieser Expedition war froh und glücklich, dabei gewesen zu sein. Alle waren wir etwas traurig, dass wir keine Fotos von diesem Erlebnis machen durften. So bleiben uns nur die kleinen Schürfwunden als Erinnerung an diesen in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Tag.

Actun Tunichil Muknal (ATM) ist eine Kalksteinhöhle im Westen von Belize und hat eine Ausdehnung von rund fünf Kilometern.

09. bis 15. Februar 2016

Guatemala

 

GRENZGÄNGER

Marie und Nicki, die Backpackerinnen, sind auf dem Weg nach Cancun. Carola und Carsten haben ihre Reise fortgesetzt. Wir jedoch sitzen in San Ignacio fest. Auf der weiterführenden Straße, nach der Grenze von Belize und Guatemala, haben die Guatemalteken eine Sperre errichtet. Die dortigen Menschen fordern von der Regierung bessere Straßen. Erst wenn der Gouverneur erscheint und Geldmittel für die Instandsetzung bewilligt, so hört man, werden sie die Blockade auflösen. Wie lange dieser Zustand anhalten wird, kann uns hier in San Ignacio/Belize niemand beantworten. Zwei Tage später ist der ganze Spuk vorbei und die Grenzstraße passierbar. Diese für uns ungewöhnliche Form der Antragstellung hat wahrscheinlich funktioniert.

Die Ausreiseformalitäten sind unkompliziert und schnell erledigt. Wir rollen ein Stück weiter an die Grenzstation nach Guatemala und machen uns mit dicker Dokumentenmappe auf zum Zollgebäude. Zwei höfliche, saubere, etwa 14jährige Jungs bieten Hans-Jürgen ihre Hilfe beim erledigen der Formalitäten an. Unter Reisenden wird viel darüber diskutiert, ob Grenzhelfer notwendig sind und ob man diese, mit einem geringen Betrag zu bezahlende Hilfe, überhaupt in Anspruch nehmen sollte. In diesen armen Ländern vertreten wir die Ansicht, diejenigen Menschen, die eine entgeltliche Dienstleistung zur Sicherung ihres Lebensunterhalts anbieten, in einem gewissen Maß auch zu unterstützen. 

 

So kommt auch dieser Deal schnell zustande und los geht’s. Während Marc beim Auto bleibt und aufpasst, läuft Alfonso voraus. Zielstrebig führt er uns von einem Schalter zum Nächsten. Hier ein Formular ausfüllen, dort die Pässe einreichen, noch einige Stempel und dann zum Kopiershop; alles mehrfach kopieren und dann zurück zum letzten Schalter, wo weitere Stempel aufgedrückt werden. „Listo, fertig!“ meint Alfonso und hält die Hand auf. Wir haben große Achtung vor den beiden Jungs, die routiniert, nicht aufdringlich und immer höflich einen tollen Job gemacht haben. „Muchas gracias! Adios!“
 

Unser erstes Ziel in Guatemala sind die geheimnisvollen Ruinen von Tikal. Lange sitzen wir am frühen Morgen des nächsten Tages auf den obersten Stufen der 65 Meter hohen Pyramide Templo IV und blicken auf den dichten Dschungel, aus dem weitere Ruinen der untergegangenen Mayakultur heraus ragen. Spydermonkeys turnen elegant in den Ästen. Das Spektakel der Brüllaffen ist wild und laut. Unter den wenigen Touristen auf den Stufen herrscht andächtige Stille. Aus der leisen Unterhaltung zweier Amerikaner dringen zusammenhanglos die Worte „Jurassic Park“ und „Tyrannosaurus Rex“ an mein Ohr. „Ja, die beiden haben recht,“ treffender kann man dieses Panorama und die ungewöhnliche Geräuschkulisse nicht beschreiben.

15. und 16. Februar 2018

Von Flores am See Petén zum Lago Atitlan gibt es zwei Routenvarianten. Entweder auf gut ausgebauter Straße Richtung Guatemala City und dann auf der Panamericana CA1 Richtung Westen oder auf dem Highway 7 weiter im Norden durch das Chichicastenango Gebirge. Ohne lange zu überlegen biegen wir von Coban kommend nach Santa Cruz links ab Richtung Berge. Wir wissen, worauf wir uns eingelassen haben, weshalb uns die schlechte Piste nicht wirklich überrascht. Die herrliche Landschaft, die Ursprünglichkeit dieses Landes und die bescheidene Lebensweise der Guatemalteken überrascht und berührt uns.  Alle Frauen und Mädchen tragen die typische Tracht. Bunte Oberteile zu langen, schmalen Röcken. Sauber, anmutig und stolz balancieren sie ihre Waren auf dem Kopf und ihre Kinder auf dem Rücken.

Erst am zweiten Fahrtag, nach unzähligen Serpentinen, erreichen wir wieder kleinere Ortschaften mit viel Verkehr. Eng windet sich dann die Hauptstraße durch die niedrigen Häuser, die kaum höher sind als unser Auto. Überstehende Balkone, tiefhängende Leitungen und abgeschrammte Laternen engen die schmale Fahrspur zusätzlich ein. Souverän und elegant schlängelt sich Otto durch das Gewusel. Nach 300 Kilometer, quer durch die Hügel des Petén und die Berge der Quiché erreichen wir im Westen zum ersten Mal bewusst die Route der Panamericana. 

17. Februar bis 19. Februar

CHICKEN BUS

 

Pierre, ein „Exil-Franzose“, hat am Atitlán See in San Marcos eine richtige Oase geschaffen. Alle Overlander auf der Strecke liebäugeln mit diesem Stellplatz. Der gigantische Ausblick auf den See und die nahen Vulkane haben sich herumgesprochen.


Allerdings muss man schon etwas Ausdauer und eine Prise Wahnsinn mitbringen, um die extrem steile Abfahrt zu meistern. Achim, den wir in Cancun kennenlernten, ist bereits vor Ort. Er schreibt uns, dass die Straße über den Berg zum See zwar betoniert ist, aber mit vielen, engen Spitzkehren extrem steil bergab führt. Zwei Stunden hat er für die letzten 20 km gebraucht. Immer wieder musste er seinen Mercedes Sprinter anhalten und die Bremsen abkühlen lassen. Wenn auch kleinere Fahrzeuge bei engen Ortsdurchfahrten einen Vorteil gegenüber unserem Otto haben, so sind wir beim Bergabfahren mit unserer Motorbremse besser dran.


Trotzdem halten wir den Atem an und machen große Augen, als sich das Fahrerhaus wie in der Achterbahn nach vorne neigt. Wortlos und konzentriert ziehen wir um die 180-Grad-Kurven. Das Dröhnen, wenn die Motorbremse den Auspuff verschließt, erhöht die Spannung zusätzlich. Da wir weit ausholen müssen, um den Parcour zu nehmen, recke ich mich aus dem Fenster, um entgegenkommende Fahrzeuge möglichst frühzeitig anzusagen. Trotzdem müssen wir mehrmals in den Kurven zurücksetzen.


Irgendwann und nach miserabler Wegstrecke auf den letzten Kilometern erreichen wir den Campingplatz. Achim winkt uns schon von Weitem zu. Wir sind sichtlich erleichtert, die Anfahrt gemeistert zu haben und kühlen die erhitzten Gemüter mit einem Bierchen. „Jetzt seid ihr bestens gebrieft für die noch vor euch liegende Strecke. Auf der gesamten Tour durch Nord und Südamerika,“ erzählt Achim, „hat es keinen so steilen Streckenabschnitt gegeben.“ Na, wenn das kein Grund zur Freude ist ...

So kommen wir aus dem Feiern gar nicht mehr heraus. Auch Sandra und Andreas vom Bodensee, Sarina und Bernhard sowie Karola und Hans mit ihrem MAN Wombi vom Tegernsee treffen in den folgenden Tagen ein. Die Oase am Lago de Atitlán ist für mehrere Tage fest in deutscher Hand. Wir genießen zusammen herrlich lustige Tage. Alle sind glücklich und zufrieden mit ihrem Haus am See.

HAUS  AM  SEE

20. Februar bis 05. März 2018

MODE kann man kaufen ...

Mit dem Boot erreichen wir auf kurzer Fahrt über den See das quirlige San Pedro am Fuße des gleichnamigen Vulkans. Sofort fühlen wir uns hier wohl. Kleine Läden mit bunter Kunst, Coffeeshops und nette Lokale wechseln sich ab. Überwiegend einheimische Indigenas prägen das Stadtbild. Guatemala ist bekannt für hochwertige, sehr farbenfrohe Stoffe. Wie in Schottland hat jeder Ort seine eigenen Muster. Mit Stolz tragen alle Frauen und Mädchen Röcke, die aus einem rechteckigen Stück Stoff geschickt gewickelt und mit einem bestickten, langen Band in der Taille fixiert werden.


Es dauert nicht lange und ich stehe bei der reizenden Joana im Laden und lasse mich einwickeln. Wow, sieht gut aus und trägt sich auch sehr angenehm. Aber, kann ich so gehen? Eine ganze Weile zögere ich. Was werden die Frauen auf der Straße sagen, wenn ich ihre Tracht trage?
 

Es braucht etwas Zeit, bis ich die Wickeltechnik begreife. Joana versichert mir unaufhörlich, wie wunderbar ich aussehe, so lange bis ich es selbst glaube und das schöne Teil gleich angezogen lasse. Mit einem mulmigen Gefühl verlasse ich den Laden. Joana ist stolz und winkt mir nach. Es dauert nicht lange und ein älterer Mann spricht mich an: “muy bonita“ (sehr hübsch), sagt er im Vorbeigehen. Die indigenen Frauen mustern mich, schenken mir ein freundliches Lächeln, zupfen kurz am Stoff und bewundern das Muster meines Rockes. Im Minutentakt bekomme ich Komplimente. „Muy bien“, rufen zwei ältere Damen die hinter uns laufen. Sie nehmen mich in ihre Mitte und streicheln mir über den Arm. Dann vergleichen wir die Muster unserer Röcke und besprechen die Bindetechnik der unterschiedlich breiten Gürtel. Ich bin stolz auf meine neue Errungenschaft. Noch nie zuvor hatte ich in so kurzer Zeit so viele Komplimente bekommen.

 

Glauben und glauben lassen

Mit dem Boot fahren wir von San Marcos am Lago de Atitlán nach Panajachel und anschließend mit dem Collectivo nach Chichicastenango. Donnerstags und sonntags findet hier einer der größten Märkte in Zentralamerika statt. Viele Indigenas kommen aus den Bergen, um ihre Erzeugnisse und Handarbeiten anzubieten oder um dort einzukaufen. Herrlich, dieses Gefühl, durch eine fremde Kultur zu schlendern und es ist so einfach, mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen. Wir bestaunen ihre kunstvollen Angebote, verhandeln, scherzen und kaufen.

 

Inmitten der Marktstände erhebt sich die Kirche Santo Tomás, die 1540 auf den heiligen Stufen eines alten Mayatempels erbaut wurde. Um die in ihrem heidnischen Glauben verhafteten Mayas überhaupt in die katholische Kirche zu bringen, ließen sich die Missionare auf einen Kompromiss ein und hatten Erfolg.

 

Sie gestatteten, dass auf den holprigen Treppenstufen wie zu vorkolumbischer Zeit, Kopalharz verbrannt und den Göttern geopfert werden durfte. Seitdem qualmt und raucht es dort auf kleinen Altaren, Blumen werden als Opfergaben verbrannt und geheimnisvolle Litaneien gemurmelt. Dabei hat jede Opfergabe und jede Blütenfarbe ihre ureigene Bedeutung. Ahnen und Geister werden beschworen und genährt, wobei Farben, Laute und Gerüche zu den indianischen Bräuchen, den „costumbres“, gehören, die sehr sinnlich und gefühlsbetont vollzogen werden. Dass die Indigenas von Chichicastenango ihre Rituale auch in die Kirche verlegen, beweist, wie eng hier die indigene Tradition und der katholische Volksglaube beieinander liegen.

25. Februar 2018

 

RÜCKENDECKUNG

Bernhard möchte seinem Sigi die extrem steile Wegstrecke zurück auf die Panamericana nicht zumuten. Als Alternative bleibt nur die etwas abenteuerliche und berüchtigte Route um den See und die Vulkane herum.

Da es auf dieser Strecke immer wieder mal Überfälle auf Touristen gegeben hat, sichern wir ihm Rückendeckung zu.

 

Die teilweise sehr schlechte Piste führt durch grüne Landschaft und kleine Orte erhöht am See entlang. Wir umfahren den Vulkan San Pedro, an dessen Hängen Kaffee angebaut wird. Auch viele Plantagen mit Gummibäumen, die von den Einheimischen gemolken werden, durchfahren wir. Entlang des Weges stehen in einigem Abstand bewaffnete Polizisten am Waldrand. Auf einem Stück besonders schlechter Straße, das wir nur in Schrittgeschwindigkeit bewältigen können, werden wir sogar von zwei Uniformierten auf dem Motorrad eskortiert. Für die 60 Kilometer bis zur Hauptstraße brauchen wir über 5 Stunden.

 

Die noch verbleibenden 40 Kilometer nach Antigua sind problemlos. Die gut ausgebaute Straße verläuft zwischen den Vulkanen Agua und dem noch aktiven Fuego entlang. Die Ausblicke sind überwältigend. Ab und an stößt Fuego weithin hörbar eine dicke dunkle Rauchwolke aus, die sich dann vor dem strahlend blauen Himmel langsam auflöst. 

 

Antigua ist herrlich bunt, herzlich, schräg und besitzt ein gute touristische Infrastruktur, die sich Langzeitreisende ab und an mal wünschen. Wir parken vor einem netten Hostel. Für 10 Euro pro Person können wir die nette Anlage benutzen und bekommen auch noch ein Frühstück serviert. Diesen Stellplatz finden wir optimal, um die Stadt zu erkunden. Wir schlendern zwischen den bunten Fassaden auf Kopfsteinpflaster, vorbei an alten Kirchen, und machen Halt in einladenden Restaurants und urigen Kneipen.

 

Antigua war einst die Hauptstadt von Guatemala und wurde durch Vulkanausbrüche des Öfteren beschädigt oder teilweise zerstört. Spuren davon sind überall sichtbar. Aber nicht nur die besondere Lage der Stadt, zwischen den allgegenwärtigen, mächtigen Vulkane, macht Antigua für uns unvergesslich, sondern auch die Tatsache, dass wir VIER hier meinen Geburtstag feiern konnten.

05. bis 10. März 2018

 

EL SALVADOR

& HONDURAS

Mit El Salvador und Honduras liegen, statistisch gesehen, besonders gefährliche Länder vor uns. Da gilt es dagegen zu halten. Wir rotten uns zusammen und gründen den Konvoi „Cool Runnings“. Vorneweg Bernhard, der Pionier, Fährtenleser und Koch. Daneben Sarina, ausgebildete Rettungssanitäterin und allwissend. Dahinter Hans, der mit Otto den starken Mann mimt und als Artillerie auftritt. Ich übernehme die Nachhut. Mir werden Aufgaben wie Abwasch, Rückendeckung und Berichterstattung zugewiesen. Ausgerüstet mit Walkie-Talkies machen wir uns auf den Weg zur Grenze nach El Salvador.

 

„604 an 800 bitte kommen“ ertönt blechern Bernhards Stimme in unserem Fahrerhaus. „800 an 604 ich höre“, sendet Hans-Jürgen Sekunden später zurück. Die Ziffern-Codes beziehen sich auf unsere Autokennzeichen und wir haben einen Heidenspaß mit diesen kleinen Geräten, die ich zufällig, kurz vor unserer Abreise, noch beim Discounter gekauft hatte. „604 an 800, Achtung Grenze, wir fahren rechts ran!“
 

Für die Grenzformalitäten, verbunden mit Schreibkram, Kopien machen und Stempel abholen, brauchen wir zwei Stunden, aber dann sind wir drin, in El Salvador. Sofort fällt mir auf, das die Frauen keine bunten Trachten mehr tragen. Stattdessen zwängen sich die Ladies hier in viel zu enge Second-Hand-Klamotten aus den USA. Am Straßenrand wird die heiße Ware in großen Säcken zu fünf US-Dollar angeboten.
 

Dieser Kulturverlust ist das Ergebnis einer Regierung, die - so wie wir lesen - in der Vergangenheit mit großer Brutalität gegen die indigene Bevölkerung und deren Traditionen vorging. Überbevölkerung und die Ausbeutung des Bodens zum Anbau von für den Export bestimmten Feldfrüchten, wie Kaffee, Zucker und Baumwolle treiben die massive Abholzung weiter voran. Nur noch fünf Prozent des Landes sind von Primärwald bedeckt. Erosion, Naturkatastrophen wie Hurrikans, Vulkanausbrüche und Erdbeben sowie das unkontrollierte Wachstum der Städte setzen dem Land und seinen Einwohnern zu.

Wir fahren die Ruta de las Flores und damit das Prachtexemplar des salvadorianischen Tourismus. Die Route führt auf kurvenreicher Straße durch Kaffeeplantagen und bunte Kolonialstädtchen. Wir übernachten auf dem Platz eines einfachen, aber schönen Balneario (Heilbad), dessen Wasserbecken von heißen Quellen gespeist werden. Die Menschen sind hilfsbereit und freundlich. Auch wenn uns das Navi mal wieder mitten durch den Markt im Ortskern führt und kurzfristig links und rechts die Sonnenschirme abgebaut werden müssen, reagiert niemand verärgert. Immer begegnen sie uns mit einem Lächeln, strecken die Daumen in die Luft und rufen „Alemanias, buen viaje (gute Reise) hinter uns her. Ob uns das am Viktualienmarkt in München auch passieren würde?

 

Auch die nächsten Tage verbringen wir in kleinen Städten, schlendern unbehelligt über die schattigen Marktplätze, sitzen in einfachen Cafés und beobachten das geschäftige Treiben. Nur die Hitze drückt auf unser Gemüt, so dass wir beschließen, nicht weiter gen Süden in Richtung Pazifik, sondern nach Norden in das höhergelegene Honduras zu fahren. Mit dem Prozedere des Grenzübertritts sind wir mittlerweile vertraut.

 

Honduras ist deutlich größer als El Salvador und bietet noch ausgeprägtere Dschungellandschaft. Die Lebensart in Honduras ähnelt der von El Salvador, zumindest können wir keine gravierenden Unterschiede feststellen, aber wir befinden uns ja nur auf der Durchreise. Ausgeprägt ist eine soziale Ungleichheit in beiden Ländern. Die wirtschaftliche und politische Elite führt einen amerikanisierten Lebensstil. Die deutliche Mehrheit allerdings muß sich ihren Lebensunterhalt sehr mühsam verdienen. Am größten ist die Not und die Gefahr in den Armenvierteln der Großstädte Tegucigalpa und San Pedro Sula. Durch Bandenkrimininalität herrscht eine dauerhafte Bedrohung. Erhebungen der UN (United Nations) führen Honduras als unrühmlichen, weltweiten Spitzenreiter bei Tötungsdelikten. Diese Brennpunkte umfahren wir so gut es geht.

Wir übernachten immer auf offiziellen Campingplätzen und werden dort Tag und Nacht von uniformierten und mit Pump-Gun bewaffneten Polizisten bewacht. Selbst der Tankwart ist schwer bewaffnet. Wir fühlen uns sicher. Die Fahrt durch die hügelige, von dichtem Bewuchs geprägte Landschaft der beiden Ländern, vorbei an vielen Vulkanen und Seen, gefällt uns gut und auch das „abendliche Kochen mit Bernhard“ wird uns immer in bester Erinnerung bleiben.+

                          „800 an 604 over and out!“

... ach ja, da war dann noch die Suche nach der ganz besonderen ZIGARRE, ... aber das ist eine andere Geschichte, die Hans-Jürgen im Anschluß selbst erzählt.

05. bis 10. März 2018

DIE "ANDERE"

Zwanzig Jahre ist es her, als ich begann, mir ab und zu eine Zigarre zu gönnen. Natürlich nur, wenn Gemüt und Umfeld im Einklang waren. Schon damals probierte ich viel herum und umso mehr man liest und schmeckt, umso umfangreicher erscheint das Angebot. Welches Ursprungsland des Tabaks und welches Kaliber (Form der Zigarre) und welche Preisklasse kommt dem eigenen Geschmack und dem Anlass des Rauchvergnügens am nächsten?

 

Natürlich liegt Kuba und die Dominikanische Republik auf der Rangliste der Berichterstattung und Bewertung vorne, aber hinsichtlich Genuß bildet man sich ja auch seine eigene Meinung und setzt eigene Prioritäten. Im gut sortierten Tabakgeschäft in meiner Heimatstadt ließ ich mich des Öfteren beraten und siehe da, eines Tages zündete ich mir eine Honduranerin an. Sofort fiel mir die Leichtigkeit des Zugverhaltens auf. Kein anstrengendes Saugen, so daß sich die Backen nach innen wölben, sondern mundfüllendes Rauchvolumen bei geringem Zug und das Ganze bei perfekter Verarbeitung und einer milden, holzbetonten Geschmacksnote mit Röstaromen. Die Bauchbinde dieser Zigarre trug den Namen „Flor de Selva“ und wurde fortan zur Marke meiner Wahl. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich viele Jahre später die Gelegenheit haben werde, Honduras zu besuchen. Dennoch war es immer mein Wunsch, einmal zu sehen, wo und wie dieses Prachtexemplar von Zigarre hergestellt wird.

 

Nach mehrtägigem Aufenthalt in Honduras umfahren wir die Hauptstadt Tegucigalpa südlich und machen ein paar Kilometer vor der Stadt Danli Station auf einer gepflegten Rancho. Schon im Reiseführer wird erwähnt, dass gerade Danli als Hauptstadt der Zigarren gehandelt wird. Die Internet-Recherche nach Flor de Selva führt aber zunächst nicht nach Danli, sondern erzählt das wahrgewordene Märchen der gebürtigen Französin mit honduranischen Wurzeln „Maria-Pia Selva“, genannt „Maya Selva“.

 

Ihr, als zigarrenrauchender Dame, entsprachen die in den 1990er Jahren am Markt befindlichen Zigarren weder qualitativ noch geschmacklich. In den damaligen Gremien der Tabakindustrie war sie bekannt und geschmäht, da sie immer Verbesserung und Neuorientierung forderte; so lange bis man ihr auftrug, sie solle doch ihre eigenen Zigarren produzieren. Damit war der Gedanke zur Gründung der Marke „Flor de Selva“ gelegt.

 

 

Handwerklich unterstützt von Nestor Plasencia, dem Inhaber der renommiertesten Zigarrenmanufaktur in Mittelamerika, schuf Maya Selva ein neues Zigarrenkonzept. Sie veränderte die bisherigen Mischungsverhältnisse, widmete sich der Untersuchung des Zugverhaltens, konzipierte neue qualitätsorientierte Deckblätter und lancierte ihre Zigarren im Jahr 1994 unter eigenem Namen in Europa. Seitdem erweiterte sie permanent ihre Auswahl und feiert große Erfolge in der Branche. Flor de Selva läßt sie unter sehr strengen Qualitätsnormen ausschließlich in Manufakturen in Honduras und in Nicaragua herstellen. Zwischenzeitlich kreierte sie noch zwei weitere Marken: Villa Zamorano und Cumpay.

 

Zusammen mit Sarina und Bernhard befinden wir uns auf der Rancho Villa Alejandra und sprechen mit dem Eigentümer Mario. Wir erzählen ihm von meiner Vorliebe zur Zigarre der Marke Flor de Selva. Er jedoch kann mit diesem Namen nichts anfangen. Erst als wir ihm als weiteren Hinweis die Manufaktur Tabaccos de Oriente nennen, erklärt er sich bereit, uns dorthin zu bringen. Eine halbe Stunde später stehen wir vor dem gut bewachten Eisentor der kleinen Fabrik. Mario, ein Gentleman alter Schule, kann das Wachpersonal überzeugen, dass seine deutschen Gäste nichts Böses im Schilde führen ... und tatsächlich werden wir eingelassen und erhalten eine persönliche Führung. Sofort sind wir „Auf der Suche nach der ZIGARRE!“                                                                                Hans-Jürgen

NICARAGUA

RESPEKT!

In Nicaragua teilt sich das fränkische Kleeblatt. Team 604 nimmt Kurs Südwest Richtung Pazifik, während wir die Nordost-Route durchs Hochland von Nicaragua wählen. Wir wollen dem ehemaligen Oberpfälzer Jürgen, der mit der Nicaraguanerin Anabel verheiratet ist und eine Kaffee-Finca betreibt, einen Besuch abstatten.
 

Wir verlassen die gute Hauptstraße Richtung Matagalpa und tauchen ein in die grüne Wunderwelt. Die dreißig Kilometer lange Schotterpiste führt vorbei an vielen Kaffee-Plantagen . Die Hütten der Einheimischen stehen so dicht am Weg, dass ich ab und an einen Einblick erhaschen kann. Sie sind aus Holz oder Bambus und manchmal sogar aus Lehmziegeln gebaut. Die flachen Dächer sind meist mit Palmzweigen oder Wellblech gedeckt. Lange Wäscheleinen mit sauberer bunter Wäsche flattern im Wind. Vor dem Eingang auf staubiger Erde spielen fröhliche Kinder zwischen Hühnern, Schweinen und Hunden. Im dunklen Innenraum kann ich manchmal einen Kühlschrank aufblitzen sehen. Gekocht wird immer und überall. Große, verbeulte Töpfe stehen auf offenem Feuer. Zur Grundausstattung jeder Behausung gehört mittlerweile immer ein Fernsehgerät und auch das Mobiltelefon hat seinen festen Platz in dieser bescheidenen Umgebung.
 

Immer werden wir bestaunt. Wenn die Kinder unser Auto erspähen, rennen sie oft in ihre Hütten zurück und holen ihre Mütter, Brüder oder Schwestern. Wir winken ihnen freundlich zu, etwas schüchtern und zumeist lachend grüßen sie zurück. Was sie wohl denken? Zuhause haben wir uns oft gefragt, wie wir wohl mit der Armut der Menschen in diesen Ländern umgehen werden. Natürlich stimmen uns diese Lebensumstände nachdenklich; da die Menschen aber keinen Hunger leiden und glücklich wirken, können wir uns darauf einstellen. Im Klartext heißt das aber auch, dass der Fotoapparat oft nicht zum Einsatz kommt, da wir deren Privatsphäre zwar in Gedanken, aber nicht im Bild festhalten wollen. Respekt hat Vorfahrt!

 

Die letzten drei Kilometer fahren wir auf einer holprigen Piste durch dicht bewachsenen Nebelwald und stehen kurz danach in der Einfahrt der Eco-Finca Aguas del Arenal. Jürgen, der gebürtige Regensburger, begrüßt uns herzlich und freut sich über Besuch aus der Heimat. Er unternimmt mit uns ausgedehnte Wanderungen, erklärt viel über Flora und Fauna und darüber, dass der Erdboden des Urwaldes überhaupt nicht so fruchtbar ist, wie  allgemein angenommen wird, und dass es für einen Eco(Öko)-Betrieb eine enorme Anstrengung bedeutet, Kaffeepflanzen groß zu ziehen und Erträge zu erwirtschaften.

 

 

Am Abend essen wir mit der Familie, plaudern über seinen hochinteressanten Werdegang und natürlich über die letzte Kaffeeernte. Das Leben ist langsamer und einfacher in diesem Land. Dinge des täglichen Lebens sind viel zeitaufwändiger als in unserer Welt. Ob das gut ist oder schlecht, kann und will ich nicht beurteilen. Nebenbei röstet Jürgen in einer speziellen Rundpfanne im Kamin den Kaffee für die nächsten Tage und in einem Siebrahmen erfolgt dann der Abkühlungsprozeß. Ein herrlicher Duft umgibt uns. Wir stellen fest, dass eine Tasse Kaffee, deren Bohnen man selbst auf offenem Feuer geröstet, in der Kaffeemühle gemahlen und anschließend frisch aufgegossen hat, viel intensiver und facettenreicher schmeckt, … wahrscheinlich, weil man ihm, dem Kaffee, mit deutlich mehr Achtung begegnet.
 

Was für den Kaffee gilt, so erfahren wir, gilt ebenso für Kakao. Jürgen empfiehlt uns die Finca La Canavalia, ganz in der Nähe, östlich von Matagalpa. Namhafte deutsche Schokoladenhersteller sind die Hauptabnehmer von Kakao dieser Region. So bleiben wir auch den nächsten Tag im Nebelwald und lassen uns den Weg von der Kakaobohne bis zur Schokolade erklären.

Schokolade fragt nicht, Schokolade versteht! 
 

 

24. bis 28. März 2018

 

von links: Sarina und ich, Bernhard, Axel vom Campingplatz, Yasmin und Stefan Team Zebra,Sandra und Andreas mit Luke von points of compass und Hans-Jürgen

PFADFINDERTREFFEN

Die Osterfeiertage werden in allen lateinamerikanischen Ländern ausgiebig zelebriert. Es sind Schulferien und wer es sich leisten kann, ist unterwegs. Zumeist fährt die ganze Familie zum Picknick an den Strand. In vielen Städten finden Prozessionen statt und Menschenschlangen hinter Blasmusik zwängen sich durch bunt geschmückte Gassen. In León, der geschichtsträchtigen, ehemaligen Hauptstadt Nicaraguas, werden die sogenannten „Alfombras“ (Straßenteppiche) aus gefärbtem Sägemehl in stundenlanger Handarbeit hergestellt. Sie bilden die Route der Karfreitagsprozession und symbolisieren den Einzug Jesus‘ in Jerusalem.

 

Wir wollen das allgegenwärtige Ostertreiben etwas ruhiger verbringen und treffen uns deshalb mit unseren Reisefreunden vor den Toren Leóns auf der Rancho los Alpes. Nahezu zeitgleich finden sich alle ein, am beliebten Traveller-Treff von Axel. Sarina und Bernhard sind schon da als wir ankommen. Yasmin (Heidi aus der Schweiz) und Stefan mit ihrem Zebra (Toyota HZJ mit Dachzelt) gesellen sich dazu und auch Sandra, Andreas und Luke möchten bei der Suche nach den Ostereiern dabei sein. Es gibt viel zu erzählen, aber ein Thema greift um sich und geht uns alle an.

 

Umso näher wir an den südlichen Punkt von Zentralamerika kommen, desto brisanter wird es, die Verschiffung von Panama nach Kolumbien zu organisieren. Insider wissen, dass es keine Landverbindung von Panama nach Kolumbien gibt. Nur etwa 80 Kilometer unwegsamer Dschungel, das sogenannte „Darien-Gap“, trennen beide Länder, so dass wir Traveller gezwungen sind, unsere Fahrzeuge zeitaufwändig, hochbürokratisch und teuer zu verschiffen. Somit dreht sich in unseren Gesprächen bald alles um die Fragen: Welche Reederei und welche Schiffe gibt es für die Überfahrt? Wie lange sind die Schiffe unterwegs und welche Route nehmen sie? Welches Fahrzeug passt in einen Container? Wer benötigt ein Flatrack (Container-Plattform) und passen eventuell zwei Fahrzeug zusammen auf das Rack? Fliegen wir unseren Fahrzeugen hinterher oder setzen wir auf einem Segelschiff über? Welche Kosten entstehen und wie setzen sich diese zusammen?

 

Sandra und Andreas haben vor, Mitte Mai über zu setzen. Die beiden haben viel recherchiert und angefragt und sie füttern uns mit konkreten Informationen. Das ist viel mehr als wir erwarten konnten. Bis Mitte Mai sind es noch 6 Wochen und damit bleibt genügend Reisezeit, um nach Panama zu kommen. Obwohl wir alle Individualisten sind, gibt es gute Gründe, sind für diese Aktion zusammen zu schließen. Eine größere Gruppe hört und sieht mehr, kann sich bei der Abwicklung unterstützen, Lauf- und Fahrwege gemeinsam zurück legen, gegenseitige Rückendeckung geben und vielleicht sogar die Kosten senken. Wir sagen sofort JA zu Team Point of Compass und auch Bernhard zögert nur kurz. Wow, was für eine coole Truppe. Sandra setzt sich sogleich mit dem Brokerbüro in Verbindung und reserviert für den 12. Mai drei Fahrzeuge. Bis auf die Sache mit den Frühstückseiern lief also an Ostern alles glatt.

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24. bis 28. März 2018

MITTEN INS HERZ

Ja, da ist es! Ich kann es auf den Bildern sehen. Genauso hat es sich gerade angefühlt als ich da oben stand und in das Herz der Erde schauen durfte. Ehrfürchtiges Staunen wird jeden ergreifen, der vor solch einem Naturschauspiel steht. Solche Ausrufezeichen unserer Welt greifen nach dir und schütteln dich unsanft, bevor sie dich in den Arm nehmen und nie wieder loslassen.

Der Masaya ist der aktivste Vulkan Nicaraguas. Wir konnten am späten Nachmittag und auch abends bis hoch zum Kraterrand fahren und in den Abgrund, mitten ins Herz der Erde blicken. Erst bei Dunkelheit zeigt der Masaya sein wahres Gesicht in Form von rotglühender, brodelnder Lava, tief unten im kreisrunden Krater.

03. bis 04. April 2018

GRANADA

Granada ist die älteste Kolonialstadt in Nicaragua. Aufgrund seiner konservativen Haltung stand es immer in scharfer Rivalität zum liberalen León, was um 1850 zu einem regelrechten Bürgerkrieg ausartete. Die Liberalen aus León verpflichteten den US-amerikanischen Abenteurer und Söldner William Walker, Granada zu erobern und von dort aus zu herrschen. Als dieser dann 1856 fliehen musste, ließ er die Stadt niederbrennen und hinterließ nur ein Schild mit der Aufschrift: "Hier stand Granada". Ein umfassendes Restaurierungsprogramm in neuerer Zeit verlieh dem kolonialen Flair neuen Glanz. Heute ist Granada ein sehr fotogener und touristischer Ort. (Quelle: Lonely Planet; Zentralamerika)

05. April 2018

TUNNELBLICK

Von Granada aus fahren wir am Lago de Nicaragua entlang zum Fährhafen San Jorge. Unser heutiges Ziel ist die Insel Ometepe mit ihren beiden Vulkanen Concepción und Maderas. Eine kleine Fähre mit dem beeindruckenden Namen Che Guevara bringt uns, zusammen mit Sandra, Andreas und deren Labrador Luke in ihrem Iveco 4x4, hinüber und schon von weitem können wir den prächtigen Concepción bestaunen, dessen Kegelform genau den Vorstellungen von einem typischen Vulkan entspricht. Gemeinsam wollen wir in den nächsten Tagen die Insel erkunden.

 

Der Nicaragua-See ist der größte Süsswasser-See in Zentralamerika. Mit einer Ausdehnung von über 8000 Quadratkilometer ist er 16mal so groß wie der Bodensee. Die Insel Ometepe, die aus der Vogelperspektive die Form einer liegenden Acht einnimmt, wird von zwei Vulkanen gebildet, deren Hänge sanft bis zum Wasser auslaufen.

 

Die Anfahrt mit der Fähre am späten Nachmittag dauert eine Stunde. Die Sonne taucht die Insel bereits in warmes Licht als wir vom Schiff rollen. Im kleinen Hafenstädtchen Moyogalpa wuseln Fußgänger, Radfahrer, Mopeds und Pferdegespanne wild durcheinander. Mitten im Getümmel etwas großes Graues mit dem Kennzeichen HO-KU 800 und gleich dahinter das Team „points-of-compass.de“ von Sandra und Andreas mit ihrem Allrad-Iveco.

 

Otto zieht den Bauch ein und so lassen wir das bunte Durcheinander schnell hinter uns. Durch tropische Landschaft schlängelt sich der Weg zu unserem nächsten Stellplatz an der Küste. Die dicken, ausladenden Bäume sind von Schlingpflanzen umwuchert, neigen sich unter dieser Last zur Seite und sehen in der Dämmerung und mit ihren Schatten oft aus wie Fabelwesen. Diese botanischen Besonderheiten sind für den Fahrer eines etwas größeren Fahrzeuges immer wieder eine Herausforderung. Nicht zum ersten Mal muss Hans-Jürgen eine solche Situation meistern. Fotos davon haben wir bisher nicht gemacht. Als der Fahrweg diesmal anfängt, immer enger und kniffliger zu werden, ist Sandra hinter uns so geistesgegenwärtig und filmt, wie sich HJ mit Otto „durch die Büsche schlägt“ bis er vor einem natürlichen Tunnel aus Bäumen und Ästen zum Stehen kommt. Umkehren? In Nicaragua?

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06. April 2018

COSTA RICA

AFFENZIRKUS

Am Grenzübergang von Nicaragua nach Costa Rica erwartet uns wieder das aufwändige Prozedere wie auch an den Grenzstationen zuvor. Diesmal jedoch haben wir leichtes Spiel, können wir doch einfach unseren Reisefreunden Sandra und Andreas hinterherlaufen. Zielsicher steuern sie die richtigen Gebäude und die darin befindlichen entsprechenden Schalter zum Aus- und Einchecken von Personen und Autos an. Wie immer sind die Beiden bestens vorbereitet und informiert. Nach einer Stunde und acht Minuten sind wir durch. „Speed Bordering“ nennt man das wohl. Profis halt ...

 

Gemeinsam steuern wir die Finca eines Schweizer Ehepaares an, die vor vielen Jahren hier in Costa Rica sesshaft wurden. Unter großen schattenspendenden Bäumen finden wir einen Stellplatz. Die „Pfadfinder“ Bernhard und Sarina und das „Zebra-Team“, Heidi und Stefan, sind schon vor uns eingetrudelt. Unsere Reiserunde wird diesmal ergänzt von den Schweizern Barbara und Mark, die mit ihrem Actionmobil-MAN aus Südamerika kommen und hier auch ein paar Tage Pause machen. Bei Kaffee und Kuchen tauschen wir gerade den neuesten Klatsch und Tratsch, als in den Bäumen über uns eine Horde Spydermonkeys auftaucht. Schlagartig kommt Bewegung in die beschauliche Szenerie. Die Fotografen sprinten in ihre Fahrzeuge, um die Ausrüstung zu holen und schon liefern die grazilen Affen eine wagemutige, akrobatische Vorstellung ab. Wir sind alle begeistert, aber auch vorbereitet, denn hier in freier Wildbahn werfen diese Artisten nicht selten mit Stöcken und Ästen nach ihren Beobachtern.

07. bis 09. April 2018

 

GHOSTBUSTERS

Der Lago Arenal liegt malerisch eingebettet zwischen lieblichen Hügeln. Dichtes Grün, in allen Schattierungen und Formen, umspielen das leuchtende Blau des Sees. Wieder quartieren wir uns bei einer Schweizer Familie ein. Vor 30 Jahren hat sie hier am See ein großes Stück Land gekauft und darauf eine kleine Schweiz errichtet, mit Wirtshaus, Hotel, Kirche, Milchkühen und einer kleinen Schmalspurbahn, die gemächlich zu einem Aussichtspunkt auf den Hausberg hochfährt. Abgerundet wird dieses Idyll, wie in der Schweiz, von einem mächtigen Berg, hier dem Vulkan Arenal.

 

Wir kommen uns vor wie auf dem Brett einer Modelleisenbahn. Schön aber irgendwie grenzwertig. Muss man in ein Land auswandern, um dann die Heimat zu imitieren?

Lange denken wir nicht über diese Frage nach, zu verführerisch duftet das feine Käsefondue und besonders HJ und Bernhard freuen sich über das kühle Weißbier.

 

Am nächsten Tag bricht Bernhard und Sarina zur Umrundung des Sees auf und auch wir packen zusammen, als uns plötzlich dessen Notruf erreicht. Siggi, Bernhard’s VW, Kennzeichen 604, streikt und braucht Hilfe. Andreas, Sandra und wir eilen herbei. Professionell nimmt der IVECO den VW-Bus an den Haken und schleppt ihn zurück … und so bleiben wir weitere drei Tage in der Schweiz von Costa Rica. Die Ghostbusters, mit allem verfügbaren Werkzeug, geben alles bis Sigi endlich wieder atmet.

10. bis 15. April 2018

DIE WAHRHEIT !

Es ist vor allem die Artenvielfalt der Tierwelt, die Costa Rica auf Touristen besonders anziehend wirken lässt. Sieht man Filme über Costa Rica im Fernsehen, dann flattern kleine grüne Papageien vorbei an bunten großen Tukanen, die verträumt den farbenprächtigen Schmetterlingen hinterher schauen. In den Baumwipfeln sitzen große, rote Aras, so dass sich die Äste biegen. Schwenkt die Kamera dann auf den Boden des Regenwaldes, wimmelt es dort geradezu von bunten Fröschen, grünen Schlangen und behaarten Taranteln.

 

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wandern wir durch den dampfigen Dschungel. Wir halten Ausschau nach Schmetterlingen, Vögeln und Amphibien. Die ungewohnte Geräuschkulisse, in Form von ächzen, zirben, pfeifen und rasseln, lässt erahnen, dass wir nicht alleine unterwegs sind. Hoch über uns können wir kurze Blicke auf gelbe und rote Vögel erhaschen. War das ein Tukan? Ja, vielleicht, aber viel zu weit weg, um ein Foto zu machen.

 

Lassen wir das und konzentrieren uns auf den näheren Sichtbereich, auf die Schmetterlinge, die tatsächlich manchmal um uns herumflattern. Wir warten, schleichen und verfolgen, doch keiner der bunten Gesellen hält still für ein Foto. Also bleibt nur noch der Urwaldboden. Hier wimmelt es angeblich von Fröschen und Schlangen. Ganz vorsichtig gehen wir vor, denn viele diese Spezies sind hochgiftig. Wir drehen Laub und Äste um, aber die einzigen Lebewesen, deren Treiben wir lange und oft beobachten können, sind die fleisigen  Blattschneide-Ameisen.

 

Leichte Verzweiflung treibt uns in einem Butterfly-Garten am Lago Arenal. Diese weitläufige Anlage ist teilweise überdacht. Hier fliegen und flattern all die schönen großen, bunten Schmetterlinge, die wir auch in freier Wildbahn schon kurz gesehen haben. Sie tanzen, setzen sich zum Fotografieren auf Blumen, spreizen die Flügel und lachen uns an. Herrlich!

 

Dort lernen wir Viktor und Denise aus Deutschland kennen. Sie studieren internationale Forstwirtschaft in Freiburg und arbeiten hier als Volontäre. Viktors Leidenschaft sind Amphibien. Vor einiger Zeit hat er im nahegelegenen Eco-Zoo ein

Praktikum gemacht. Spontan gehen wir auf sein Angebot ein, eine nächtliche Tour durch das Terrarium mit Schlangen und das sich anschließende Freigehege mit Fröschen zu machen.

 

Wir lernen viel in dieser Nacht, zum Beispiel, dass viele Frösche und Schlangen nachtaktiv sind und tagsüber kaum entdeckt werden können. Dass die Tagaktiven meist giftig und die Nachtaktiven überwiegend ungiftig sind. Uns überrascht, wie klein viele Arten der bunten Frösche sind und wie sie sich farblich ihrer Umgebung anpassen. Der kleinste ist nur so groß wie der Nagel meines Fingers. Kein Wunder also, dass wir diese gut getarnten Geschöpfe auf unseren Exkursionen nicht sehen konnten. Viktor zeigt uns den Bluejeansfrosch, den Smaragdfrosch und endlich auch den für Costa Rica bekannten Rotaugenfrosch. Den Glasfrosch, der ebenfalls hier im Freigehege lebt, kann selbst unser geübter Guide in dieser Nacht nicht entdecken.

 

Auch wenn wir Zoos sehr skeptisch gegenüber stehen, war dieser Ausflug mit Viktor ein wunderbares, erfahrungsreiches Erlebnis.

16. April 2018

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HERZBLUT

Alles begann mit einer Idee. Hans-Jürgen und ich arbeiteten damals gemeinsam mit meiner Schwester Barbara und ihrem Mann Gerd im familieneigenen Unternehmen, welches sich auf die Herstellung von Fleischwaren und deren optimaler Frischeverpackung spezialisiert hatte. Der harte Preiskampf im Lebensmittelbereich verlangte täglich ein hohes Maß an Flexibilität, Kreativität und Teamgeist und dass Fleisch, trotz seines hohen Nährwertes und einer hochhygienischen Zubereitung, immer wieder in der Kritik steht, ist ja hinlänglich bekannt. Es war vor allem Hans-Jürgen, der immer nach Produktalternativen suchte.

 

Eines Tages, beim Frühstücks-Meeting, schlug er vor, den Gedankensprung von Fleisch zu Fruchtfleisch zu machen. „Lasst uns doch mal was mit Früchten probieren. Jeder würde zum Beispiel mehr Ananas essen, wenn nicht dieser große Zubereitungsaufwand bestehen würde und sie gleich essfertig wäre.“ Durchaus verwundert schauten wir uns alle an und entschieden spontan, JA!, das machen wir. Damit war der Grundstein für die Produktion „verzehrfertiger Früchte“ gelegt.

 

 

Während Gerd und Hans-Jürgen sich weiterhin dem bestehenden Geschäft widmeten, tauchten meine Schwester und ich in die Welt von „Freshcut-Fruit“ ein. Der Raum für die Produktion sowie ein Kreativbüro war schnell geschaffen. Mit zwei jungen engagierten Mitarbeiterinnen entwickelten wir in kurzer Zeit ein attraktives Produktsortiment. Unser technisches Know How und der Umgang mit Frischeprodukten half uns dabei sehr. Um jedoch bei Handelsorganisationen und in Großmärkten gelistet zu werden, waren zusätzlich umfangreiche fruchtspezifische Anforderungen zu erfüllen. Somit standen wir gleich zu Beginn, mangels Erfahrung mit exotischen Früchten, vor einem großen Problem.

 

Während einer Vortragsreihe an der damaligen Bundesforschungsanstalt in Kulmbach lernten wir zufällig Herrn Professor Dr. „Papst der Früchte“ (so wie wir ihn nennen) kennen. In seiner aktiven Zeit – er war gerade in Pension gegangen – verantwortete er von staatlicher Seite den Bereich „Qualität und Produktsicherheit von Früchten in Deutschland“. Angetan von so viel Kompetenz, erzählten wir ihm von unserer Vision: …verzehrfertige … frische … gesunde Früchte … für jedermann … immer und überall ...!

 

Kurzum, er war begeistert von der Idee, den Produkten und unserem Mut … und er versprach zu helfen. Nur wenige Tage später waren er und sein langjähriger, ebenfalls pensionierter Freund, der als Qualitätsmanager bei einer der weltweit größten Fruchtkonzerne gearbeitet hatte, in unsere Kreativwerkstatt eingezogen. Wir erlebten eine herrlich lustige, spannende und arbeitsintensive Zeit, in der wir alle schnell zu Freunden wurden. Gemeinsam durchschritten wir in dieser Anfangszeit Höhen und auch alle Tiefen einer neuen Geschäftsidee.

 

Heute, nach einigen Jahren, hat sich daraus ein kleines Unternehmen entwickelt, das unter anderem auch eine Handelskette deutschlandweit mit dem bekannten Ananaszylinder im Becher beliefert .

         .... jetzt stehen wir hier in Costa Rica, auf der Ananasfarm, inmitten der Felder, auf denen „unsere Ananas“ wächst. Ein unbeschreibliches Gefühl erfüllt uns. In einer Endlosschleife wiederholen sich unsere Gedanken, gefüllt mit vielen einzigartigen Erinnerungen...

ALLES AUSSER GEWÖHNLICH

Die Plantage, von der wir - gemeint ist unser Fruchtbetrieb - seit vielen Jahren Ananasfrüchte beziehen, hat eine Größe von 700 Hektar. Der Anbau dieser Bromelienart benötigt Platz, denn aus einer Pflanze entsteht erst nach 14 Monaten eine einzige Ananasfrucht.

 

Bevor der Steckling in die Erde gepflanzt wird, muss das Feld vorbereitet werden. Bagger ziehen tiefe Entwässerungsgräben, so dass sich keine Staunässe bilden kann. Die Stecklinge werden auf jeder einzelnen Parzelle des Feldes verteilt und in Handarbeit gepflanzt. Nach 10 Monaten bildet sich im Inneren jeder Pflanze eine Blüte aus der die Frucht in weiteren 4 Monaten zur Reife heranwächst. Auch die Ernte wird per Hand vollzogen, wobei lange, motorgetriebene Transportbänder das Erntepersonal unterstützen.

 

Auf der Farm erfolgt in großen Hallen die Weiterverarbeitung. Die Ananas wird gewaschen, nach Größen sortiert, je nach Kundenwunsch die Blattkrone entfernt, sorgfältig in Kartons verpackt, etikettiert, palettiert, gekühlt und verladen. Bedenkt man noch die Transportwege per Containerschiff und auf der Straße, ist es kam vorstellbar, dass der Endverbraucher in Deutschland dieses hochwertige Produkt zu einem Preis um etwa zwei Euro erwerben kann.

ALLES BANANE

Nirgendwo in Europa werden so viele Bananen gegessen wie in Deutschland. Jede vierte Banane stammt aus Costa Rica. So freut es uns sehr, dass wir auch noch die Möglichkeit bekommen, eine große Bananenplantage zu besuchen.

 

Auf etwa 400 Hektar wächst hier das gelbe Gold. Staunend wandeln wir durch die Monokulturen. Die gesamte Plantage ist sehr systematisch aufgebaut und von Be- und Entwässerungsgräben durchzogen. Seilzugbahnen sind die einzigen technischen Hilfsmittel, die den Abtransport erleichtern und die gesamte Anlage in Parzellen aufgliedern.

 

 

Es dauert 9 Monate bis die Fruchttraube des Bananenstaude erntereif ist. Blaue Foliensäcke schützen den Fruchtstand vor äußeren Einflüssen, so dass makellose Bananen heranwachsen. Während der Entwicklung der Früchte bildet die Mutterpflanze einen neuen Trieb. Beim Ernten wird das Wachstum der Mutterpflanze beendet, um der nachwachsenden „Tochter“ alle Energie zukommen zu lassen. So entsteht wie von selbst die nächste Generation, die wiederum 9 Monate später neuen Ertrag hervorbringt.

 

Das Ernten selbst geschieht per Machete, nachdem zuvor eine sorgfältige Auswahl getroffen wurde. Behutsam werden die einzelnen Fruchtreihen einer Traube mit Schaumgummiplatten getrennt, um Druckstellen zu vermeiden … und dann kommen die sogenannten „Läufer“, die wie eine Lokomotive die geernteten Bananenstände über die Seilbahn hinter sich herziehen und in der Farmhalle zur Weiterverarbeitung abliefern. Übrigens: Ihre gelbe Farbe erhalten die Bananen erst in großen Nachreifekammern des jeweiligen Importlandes.

19. bis 24. April 2018

 

AUFFALLEND SCHÖN!

In Costa Rica fahren wir entlang des Vulkangürtels von Zentralamerika. Er ist Teil des pazifischen Feuerrings, der hufeisenförmig den pazifischen Ozean umrahmt. Auf ihm befinden sich die meisten tätigen und gefährlichen Vulkane und innerhalb dessen ereignen sich weltweit neunzig Prozent aller Erdbeben.

 

Direkt unterhalb des aktiven Vulkans Poás machen wir Station. Leider ist dieser seit seinem Ausbruch im April 2017 gesperrt. So müssen wir uns mit seiner ebenfalls beeindruckenden Umgebung zufrieden geben. Auf unserer Wanderung erleben wir hautnah unzählige Kolibris. Sie flattern deutlich hörbar um Hans-Jürgens rote Mütze, die sie wahrscheinlich mit einer Blüte verwechseln. Ein mächtiger, zweihundert Meter hoher Wasserfall, der mitten in dieser Dschungellandschaft in die Tiefe stürzt, setzt auch diesem Tag ein Krönchen auf.

SPIELMANNSZUG 

Nicht nur die Menschen auf den Feldern der Ananas- und Bananenplantagen arbeiten hier in Costa Rica hart. Auch die Blattschneideameisen leisten Schwerstarbeit. Ich kann ähnliche Arbeitsabläufe wie auf den vorher besuchten Farmen erkennen.

 

Die Ernte ist im vollen Gange. Auf den jungen, saftig grünen Blättern strömen die fleißigen kleinen Meister der Schnittkante entgegen. Ohne „Luft zu holen“ setzen sie an und schneiden das nächste Stück ab, bevor sie - ohne auch nur eine Sekunde Pause zu machen - den Rückweg antreten. Die skurrilsten Formen entstehen. Die ganze Ameisenstraße erinnert mich an einen Spielmannszug. Die grünen, wippenden Blattstücke ähneln den Instrumenten. Beeindruckt und voller Hochachtung nehme ich mit der Kamera die Verfolgung einer „Tuba“ auf, die im Bulk mit einer „Harfe“ und einer „Gitarre“, in Richtung Dickicht unterwegs sind …

ÜBER DEN WOLKEN

Die Panamericana zieht sich in Costa Rica mitten durchs Gebirge. Zwischen mächtigen Vulkangipfeln erreicht sie mit 3.240 Metern den höchsten Punkt des gesamten Streckenverlaufes zwischen Alaska und Feuerland. Wir übernachten unterhalb des Gipfels des Vulkans Irazu, in dessen Krater sich ein farbenprächtiger See gebildet hat. Die morgendliche Aussicht ist gigantisch. Nach all' der schwülen Hitze in Zentralamerika genießen wir die frische, kühle und trockene Bergluft hier oben.

24. bis 26. April 2018

Unseren nächsten Übernachtungsplatz finden wir noch weiter oben am Cerro de la Muerte auf 3430 Meter. Bei unserer Ankunft am Nachmittag ist von der Welt um uns herum nichts zu sehen, da wir mitten in den Wolken parken. So machen wir es in unserem Otto gemütlich. Die Heizung tuckert, der Tee dampft und fast schon hatten wir vergessen, wie es sich anfühlt, wenn es draußen kalt ist. Am nächsten Morgen schaue ich wie üblich auf mein Handy. Wer hat geschrieben und was gibt es Neues auf der Welt? Dann erst öffne ich die Jalousie. Richtung Süden habe ich das Gefühl, ganz Costa Rica liegt mir zu Füßen. Der Blick Richtung Norden allerdings führt mir an diesem schönen, unberührten Fleckchen Erde schmerzlich vor Augen, was es bedeutet, immer und überall kabellos vernetzt zu sein. Zahlreiche Funkantennen trüben die Aussicht.

DIE WAHRHEIT TEIL 2

Aus 3400 Metern Höhe fahren wir durch alle Klimazonen hinunter an die Pazifikküste. Hier zieht sich die dichte Dschungelvegetation bis ans Meer. Palmen säumen die Strände. Unser letztes Ziel in Costa Rica ist Puerto Jiménez auf der Halbinsel Osa. Sandra und Andreas, unsere Reisefreunde mit dem grünen IVECO, haben uns den Kontakt zu Adonis, dem dortigen Crocodile Dundee, vermittelt.

 

Auf der kurvenreichen Fahrt sehen wir bereits große rote Aras fliegen. Das letzte Stück führt über einen holprigen Weg am Meer entlang und kurz darauf biegt eine kleine Stichstraße ab zum Camp von Adonis … und da steht er auch schon, freundlich lachend: „Hola, herzlich willkommen, ich habe mir schon gedacht, dass ihr kommt. Schön, dass ihr da seid“, begrüßt er uns auf deutsch. Neben ihm stehen seine beiden Söhne, die ihr Erstaunen über unser rollendes Zuhause nicht verbergen können. „Es freut uns sehr, euch endlich kennenzulernen“, sagt er nach herzlicher Umarmung. Ich muss mich beherrschen, so rührt mich diese Szene. Wann und wo haben wir in unserer westlichen modernen Welt verlernt, so gastfreundlich zu sein.

 

Er lebt mit seiner Familie direkt am Strand und sein Grundstück reicht bis tief in den Dschungel hinein. Am nächsten Morgen werden wir von lauten krächzenden Geräuschen geweckt. In den Bäumen über uns turnen rote Aras und wir wissen nicht, ob sie wild streiten oder verliebt balzen.

 

Noch im Schlafgewand nehmen wir die Verfolgung der Tiere bis zum Strand auf. Dass auch wir beim „Schlafwandeln“ beobachtet werden, merken wir erst, als Adonis sein fröhliches Lachen nicht mehr unterdrücken kann. Er erklärt uns, dass die Vögel jeden Morgen zu diesem Baum kommen, da sie dessen leicht  gegorene und damit alkoholhaltige Früchte lieben. Und tatsächlich, ihr Verhalten wirkt etwas besoffen. Übermütig, laut, wagemutig und angeberisch turnen sie in den Ästen.

27. April bis 01. Mai 2018

„ … wenn Ihr gefrühstückt habt, gehen wir in den Dschungel und dann zeige ich euch noch mehr von unserer beeindruckenden Tierwelt“, sagt Adonis und kurze Zeit später steht er mit seinen beiden Söhnen vor unserer „Haustür“ … alle drei natürlich barfuß! Im Gegensatz dazu hatten wir die Wanderschuhe gewählt. Dies wäre wohl nicht die richtige Fußbekleidung, meint er, und zeigt auf seine nackten Füße, wir müssten ja durch Wasser und Schlamm waten. Die praktische Variante, also barfuß, scheidet für uns Weicheier aus. Deshalb besohlen wir die Füße mit Crocs.

 

Wir gehen ein Stück am Weg entlang. Adonis trägt eine kleine Plastiktüte bei sich. Da wäre Fleisch drin, für die Krokodile, sagt er ganz beiläufig. Mit der Machete entfernt er einige Äste und watet ganz selbstverständlich in den Sumpf durch die niedrigen Tunnel der Mangroven.

 

„Was machst du da?“ brüllt mich meine innere Stimme an und ich führe Selbstgespräche. „Diese Brühe ist braun und undurchsichtig. Außerdem hast du es ja gehört, hier gibt es viele Krokodile. Ja, jetzt beruhige dich mal, Adonis kennt sich hier aus, ich glaube nicht, dass er uns in Gefahr bringt“, entgegnet der mutige Teil in mir. Immer noch zögere ich. Hans und Adonis sind schon im Dickicht verschwunden. Den letzten Anstoß gibt mir Jeremy, der größere Sohn, indem er mich einfach zum Wasser schubst und mir mit einem Ästchen in die Wade piekst. Ich muss gestehen, dass ich mir in diesem Moment eine professionell geführte Tour gewünscht hätte. So mit beißfesten Wathosen, Sturzhelm und Schwimmweste. Aber nix da, wir sind da einfach rein.

 

Auf einer kleinen Lichtung, durchzogen von Wasser und Schlamm, bleiben wir stehen und Adonis rasselt mit seinem Stab, einem Besenstiel mit Drahtschlaufe am Ende. Es dauert nicht lange, bis …

„Wo er heute nur bleibt“, meint Adonis und schaut in den Baum unter dem wir Otto geparkt haben. „Ich lass euch nicht fahren, bevor ihr nicht auch Tukane gesehen habt. Tukane gehören zu den farbenprächtigsten und lautesten Vögeln im Regenwald. Mit ihrem großen, gebogenen Schnabel können sie ihre Körperwärme regulieren, was bei hohen nächtlichen Temperaturen im Urwald sehr sinnvoll ist.

 

Plötzlich ein lauter, für uns ungewöhnlicher Vogelgesang. Mit dem Fernglas suchen wir in den hohen Wipfeln. „Nein, nicht da oben, hier, gleich da sitzt er“, sagt Jeremy und streckt seinen Zeigefinger aus. Tatsächlich, unser erster Tukan in freier Wildbahn, nur wenige Meter entfernt.

Am nächsten Morgen verabschieden wir uns schweren Herzens von Adonis und seiner Familie. Er ruft uns zu: „Wenn ihr zurück nach Costa Rica kommt, seid ihr jederzeit willkommen. Ihr könnt in unserem Haus wohnen und mit uns essen“ … da konnte ich dann nicht mehr sprechen, ich habe nur Adonis und die beiden Jungs in die Arme genommen und fest gedrückt.

PANAMA

 

ZEITDRUCK

Zwischen Zentral- und Südamerika besteht keine Straßenverbindung. Unwegsamer Dschungel, das sogenannte „Darien Gap“, stellt immer noch eine unüberwindbare Hürde für Fahrzeuge aller Art dar, obwohl lediglich 90 Kilometer Wegstrecke fehlen, um Panama mit Kolumbien zu verbinden. Nur wenige Expeditionen haben das Darien Gap unter schwersten Bedingungen und mit spezieller Ausrüstung überwunden. Alle „normalen Overlander“ sind gezwungen, auf dem Seeweg nach Südamerika zu gelangen und somit ist eine kostspielige und zeitaufwändige Verschiffung der Fahrzeuge durchzuführen.

 

Bereits in Nicaragua haben wir die Überfahrt für Otto fest gebucht, wobei eine Vermittlungsagentur einzuschalten ist, da sich die großen Reedereien nicht mit ein paar einzelnen Fahrzeugen abgeben. Auch Sandra und Andreas sowie Bernhard haben das gleiche Schiff gebucht.

 

Am 2. Mai 2018 reisen wir über einen kleinen Grenzübergang von Costa Rica nach Panama ein, mit dem Ziel, am 9. Mai im Hafen von Colon, nördlich von Panama City, zu sein, um unseren Otto dort für die Schiffsreise abzugeben.

 

Vorher sind viele bürokratische Hürden zu nehmen. Von der polizeilichen Fahrzeuginspektion, über das mehrfache Einzahlen von Bargeld in Dollarwährung auf genau definierte Konten, bis zum Ausfüllen zahlreicher Dokumente, deren Abstempelung und der Anfertigung zahlreicher Kopien ist alles dabei. Viele dieser Vorgänge sind an ganz verschiedenen Orten, teilweise in Panama City oder Colon und darüber hinaus in unterschiedlichsten Zollbüros und Behördenstationen abzuleisten. Wir wissen über diese Vorgänge zwischenzeitlich Bescheid und so ist es sehr gut, dass wir eine kleine Reisegruppe gebildet haben, um die anstehenden Behördenstrapazen gemeinsam zu erleiden. Insbesondere Sandra hat sich derart ausführlich mit den erforderlichen Bürokratismen beschäftigt, so dass wir ihr auch auf diesem Weg herzlich danken.

 

Bei der Einreise nach Panama sind daher unsere Gedanken hauptsächlich auf die bevorstehende Verschiffung und das Übersetzen nach Südamerika gerichtet. Leider bleibt uns fast keine Zeit, dieses Land zu erkunden. Auf landschaftlich herrlicher Strecke fahren wir durch die Berge, vorbei am Vulkan Barú bis ins Bergdorf Boquete, wo wir zwei Tage bleiben, um ein paar Vorbereitungen zu treffen.

 

Zielstrebig geht es dann weiter nach Panama City. Am Yachthafen der Stadt treffen am Nachmittag des 6. Mai nach und nach die Mitglieder unserer illustren Verschiffungsfamilie ein. Da unsere Fahrzeuge, jeweils zwei, auf sogenannte „Flatracks“ (Containerplattformen ohne seitliche Wände) verladen werden sollen, kommen wir auch in Kontakt mit weiteren Mitreisenden. Dazu gehören Bille und Thomas mit ihrem Iveco, ein junges holländisches Paar und zwei Brüder aus Österreich.

 

Im Konvoi fahren wir am nächsten Morgen um 7.00 Uhr bei der Polizeistation vor, um die Inspektion durchführen zu lassen und die entsprechenden Ausreisestempel für unsere Fahrzeuge zu erhalten. Anschließend zieht die Karawane weiter zur nächsten Citi-Bank, um den Betrag in bar auf das Konto der Verschiffungsagentur einzuzahlen.

 

Nachdem auch diese Hürde genommen ist, fahren wir aus der Stadt entlang des Panamakanales Richtung Colon. Wir nutzen die Zeit, um wenigstens das berühmteste Bauwerk dieses Landes, den Panama-Kanal, den zugehörigen Visitcenter und die Miraflores-Schleusen gesehen zu haben. Beeindruckt beobachten wir, wie riesige Kreuzfahrt- und Container-Schiffe von Diesellokomotiven in die Schleusenkammern gezogen und anschließend wie von Geisterhand gehoben oder abgesenkt werden.

VISIONÄR

Unter der Leitung des französischen Architekten Ferdinand de Lesseps, der bereits den Suez-Kanal baute, erfolgt im Januar 1881 der erste Spatenstich zu diesem Projekt. 200 Techniker und 800 Arbeiter starteten die erste Bauphase. Nach 17jähriger Bautätigkeit unter den Franzosen wird nach dem Tod von Lesseps die Bautätigkeit eingestellt.

 

Im Jahr 1904 kaufen die USA für 40 Millionen Dollar das Land und die Baurechte.

Im August 1914 wird der Panamakanal offiziell eröffnet. In diesen zehn Jahren wurden 75.000 Arbeitskräfte eingesetzt. Tropenkrankheiten und Unfälle fordern in dieser Zeit unter den Arbeitern 25.000 Todesopfer. Der Transportweg von der Ostküste der USA nach Japan verkürzte sich durch den Kanal um 4.800 Kilometer. 8.000 Kilometer betrug die Einsparung des Seewegs von Ecuador nach Europa.

ABSCHIED

Die Verschiffung unserer Fahrzeuge beginnt in der Hafenstadt Colon/Panama und führt über das karibische Meer nach Cartagena/Kolumbien. Ein Containerschiff unter liberianischer Flagge übernimmt diese Aufgabe. Wir selbst können nicht mitfahren und müssen deshalb für unseren eigenen Transfer sorgen. Zwei Wege sind möglich, entweder fliegen oder segeln. Wir wählen die romantische Variante und buchen einen 5tägigen Segeltörn durch die Karibik, ebenfalls mit dem Ziel Cartagena.

 

Zur Vorbereitung unserer Fahrzeuge für den Schiffstransport machen wir nochmals Station auf einem Campingplatz in der Nähe von Colon. Hier wird geputzt, verstaut, versteckt, verzurrt und gepackt. Hans-Jürgen fährt Sandra mit Luke und mich, samt Rucksäcken, Fotoausrüstung und Hundebox, zum Hafenort Puerto Lindo, einem recht verschlafenen Fischernest. Dort beziehen wir ein kleines Hostel in der Nähe des Yachthafens.

 

Andreas, Bernhard und Hans-Jürgen bringen die Fahrzeuge am nächsten Tag nach Colon und erledigen die umfangreichen Zollformalitäten. Mit einem mulmigen Gefühl lassen sie ihre vierrädrigen Gesellen zurück, nicht ohne ausreichend Fotos als Beweismaterial für alle Eventualitäten zu machen. Wird alles klappen? Werden wir unsere Autos wohlbehalten und pünktlich in Cartagena in Empfang nehmen können?

Was wäre wenn …? Diese Fragen kreisen permanent in unseren Köpfen, hat man doch schon so viele Schauergeschichten über diesen Schiffstransport gehört. Nach vielen Stunden treffen die Männer mit dem Taxi ebenfalls in Puerto Lindo ein. Unsere Autos sind wir jetzt erst einmal los und hoffentlich …

WIE LANGE DAUERT DIE EWIGKEIT ?

Eigentlich hätte alles so schön werden können. Ein Ausflug in die Welt der Segler auf dem Meer sollte es werden. Nur mit der Energie des Windes durch das  türkisschimmernde Wasser des Archipels der San Blas Inseln gleiten, vor Palmenstränden ankern, ausgiebig schnorcheln und den Sonnenuntergang beobachten, so waren unsere Vorstellungen. Doch es kam anders.

 

Es ist bereits dunkel, als wir das Schiff im Yachthafen beziehen. Vier junge Engländer auf Hochzeitsreise und wir zu fünft plus Hund Luke, sind die Passagiere. Die Crew, bestehend aus dem Kapitän und zwei Matrosen weisen uns ein.

Schnell wird klar, dass es auf diesem Kahn nicht für alle Passagiere einen Schlafplatz gibt.

 

Sandra und Andreas beziehen mit Luke die einzige als Kabine zu bezeichnende

Kajüte. In ein seitliches Kapuff mit schmalen Stockbetten ziehen Hans-Jürgen und ich ein. Den Engländern auf Hochzeitsreise waren bereits die Verhaue mit Doppel-Pritsche links und rechts neben dem Motorraum zugewiesen worden. Und Bernhard? Wo soll Bernhard schlafen, stellt Sandra die berechtigte Frage. Bernhard steht mit seiner kleinen Reisetasche in der schmuddeligen, unaufgeräumten Kombüse. Der Käpt’n deutete auf die Eckbank im Gemeinschaftsbereich und platziert, in mitten von allerlei Gerümpel, ein Kopfkissen mit Betttuch. Bernhard nimmt‘s  gelassen: “Das geht schon, ist nicht so tragisch. Ich bin Koch, habe lange in der Gastronomie gearbeitet. Wenn du da gut sein willst, ist die Küche dein zu Hause und die Bank hinterm Ofen dein Bett. Also lasst es mal gut sein”, beschwichtigt er uns.

11. bis 16. Mai 2018

„Morgen früh um 6 Uhr laufen wir aus“, teilt uns der Kapitän noch mit, bevor er sich mit seiner Crew wieder in die Hafenkneipe zurück zieht. Entsetzt und kopfschüttelnd bleiben wir zurück … und schlafen ein.

 

Lautes Motorengeräusch weckt mich und wir sind bereits auf See. Die aufgehende Sonne taucht die Küste in schönes Licht. Einer nach dem anderen krabbelt an Deck. So kauern wir dann zu neunt auf zwei harten Bänken links und rechts vom Käpt‘n.

In der unansehnlichen Küche werkelt einer der Crewmitglieder an unserem Frühstück. Wir sprechen nicht viel, was angesichts der ungemütlichen Situation nicht verwundert.

 

Nach Erreichen des offenen Meeres warten alle gespannt auf das Setzen der Segel. Die Ernüchterung kommt noch vor dem Frühstück. Der Kapitän teilt uns wortkarg mit, dass wir die 8stündige Überfahrt zu den Inseln ausschließlich motorgetrieben (Anm.: Segelschiffe haben nur einen sehr schwachen Motor, den sogenannten „Flautenschieber“) zurücklegen werden, weil der Wind zum Segeln nicht ausreicht.

 

Das Frühstück ist dann doch besser als es der Zustand von Küche und Koch erwarten ließen. Dann nimmt der Wellengang zu, und zwar heftig. Es schaukelt gewaltig und die Gischt ergießt sich übers Deck. Zum Glück haben wir Overlander schon gestern mit der regelmäßigen Einnahme unserer Reisetabletten gegen Seekrankheit begonnen und können jetzt auf deren Wirkung vertrauen. Die Engländer, deren Vorfahren ja seit vielen Jahrhunderten als Seefahrer unterwegs waren, haben leider darauf verzichtet. Ein Leichtsinnsfehler, wie sich nur  kurze Zeit später herausstellen sollte. Gekotzt wird übrigens nach hinten raus, also übers Heck direkt ins Meer, wobei man sich an der Reeling gut festhalten sollte, bei diesem Wellengang.

Malerisch liegen die San-Blas-Inseln irgendwann vor uns. Manche der über 400 Inseln sind so klein, dass gerade mal ein paar Palmen und ein Haus darauf Platz finden. Ein kleines mitgeführtes, motorgetriebenes Schlauchboot bringt uns an Land. Das Wasser ist karibisch türkis und glasklar. Geschwungene Kokospalmen komplettieren dieses Paradies. Fotomotive wie aus dem Prospekt. 

 

Aus meiner inneren Unzufriedenheit ist trotz alledem Hoffnungslosigkeit geworden. Wie sollen wir dieses Martyrium fünf Tage lang aushalten, stellt sich mir die Frage. Ich nutze die Gelegenheit auf der Insel und bearbeite meinen Hans-Jürgen.

„Ich will hier nicht bleiben“,  jammere ich, bitte lass uns die Sache abbrechen. Irgendwie werden wir doch von hier zurück aufs Festland kommen. Lass uns von Panama City nach Cartagena fliegen. Dort machen wir uns ein paar schöne Tage in einem guten Hotel. Warum sollen wir  diese unzumutbaren Bedingungen hinnehmen?“ Tröstend nimmt er mich in den Arm und erinnert mich daran, dass wir zur Ghostbuster-Truppe gehören und hier keine Alleingänge machen.

 

Der Käpt‘n beobachtet unsere Diskussionen und bekommt Wind von unseren Überlegungen. „Gefällt euch der Trip?“ fragt er voll gechillt mit einem Joint in der Hand. Jetzt reicht’s mir. “NEIN...“ sage ich ... „dieser Trip auf deinem Scheiß-Kahn gefällt uns ganz und gar nicht. Wir fühlen uns wie auf einem Flüchtlingsboot. Unter einem Segeltörn stellen wir uns etwas anderes vor. Ich will abbrechen und zwar hier und jetzt. Wir sind gerade dabei unsere Möglichkeiten zu besprechen”, kläffe ich ihn an. “Ok, wenn ihr gehen wollt, sagt mir bis morgen früh Bescheid. Ich besorge ein Boot, das euch zurück aufs Festland bringt“, knurrt er zurück. Damit ist klar, wir beide sind Feinde, ohne Aussicht auf Versöhnung oder gegenseitiges Verständnis.

An dieser Stelle hätten wir noch aus der „Kammer des Schreckens“ entkommen können, hätte HJ in diesem Moment einfach nur JA gesagt. Stattdessen holt er die Landkarte und zeigt mir, dass wir mitten im Dschungel stehen, wenn wir am Festland ankommen würden und dass es weit und breit keine größere Straße Richtung Zivilisation gäbe. Deshalb entscheidet er, abgeklärt und realistisch, dass wir auf dem Boot bleiben.

 

Scheiße! Ich bin traurig. Zurück am Boot verschwinde ich in meiner Koje und weine. Es bleiben noch vier Tage. Am nächsten Morgen geht es mir besser. Der Kampf ist zwar verloren, aber zu Ende. Ich beschließe, mich der Situation zu beugen und gute Miene zu machen, da es sonst für uns alle noch unerträglicher werden würde.

 

Auf den harten Bänken an Deck wird leise darüber spekuliert, ob wir heute vielleicht segeln bzw. ob diese Crew überhaupt segeln kann. Alles amüsiert mich nur noch. Der Motor tuckert weiter und wird nur alle acht Stunden abgestellt, um Öl nachzufüllen. Scheinbar hat der Käpt’n ein schlechtes Gewissen. Um die Stimmung zu heben, kauft er von einem einheimischen Fischer, der im Einbaum vorbei fährt, große frische Hummer und herrliche Königskrappen. „Ein Festessen für euch“, meint er gönnerhaft. Jubel bricht aus, bis Bernhard zur Vorsicht mahnt: „Krustentiere aus warmen Gewässern sind schwer verdaulich, das verträgt nicht jeder.” Der nächste Tag sollte zeigen, wie recht er doch hatte. Nach der regnerischen Nacht, in der es durch die Dachluken in alle Betten tropfte, herrscht oben an der Kotzrampe Hochbetrieb. Fische füttern ist angesagt. Auch das Klo ist verstopft und die Wasserpumpe hat ihren Geist aufgegeben, so dass der Wasserhahn und das Waschbecken trocken bleiben. Zu allem Übel fällt auch noch die Kühltruhe aus. Die Crew geht an Land, um Eis zum Kühlen der Lebensmittel zu besorgen. Schlechte Aussichten für unsere eh schon geschundenen Mägen.

Den dritten Tag in Folge habe ich mich jetzt weder gewaschen noch Zähne geputzt.

Auch für die Engländer ist der Leidensdruck hoch geworden. Sie fragen uns, ob wir damit einverstanden wären, wenn sie dem Käpt’n mitteilen würden, dass wir auf den letzten Tag im Inselparadies verzichten und stattdessen die 40stündige Überfahrt auf hoher See nach Kolumbien beginnen möchten. Mit diesem Vorschlag sind alle Passagiere sofort und ohne zu zögern einverstanden.

 

Es ist die zarte Engländerin, die erst kürzlich im schneeweißen Brautkleid vor dem Altar stand und jetzt hier sichtlich blass und geschwächt vor den Käpt’n tritt und sagt, wo es ab sofort für ihn und sein Schiff lang geht. Angesichts der großangelegten Meuterei muss er sich geschlagen geben und nimmt Kurs aufs offene Meer. Sofort bessert sich die Stimmungslage und es wird schon wieder gescherzt, zumindest in dem Maße wie es das persönliche Unwohlsein zulässt. Die weiteren 36 Stunden auf dem Meer sind lang. Nach insgesamt 5 Tagen und 5 Nächten erreichen wir Cartagena auf dem südamerikanischen Kontinent. Auch das GRAUEN hat ein Ende.

... weiter nach Kolumbien