CHILEARGENTINIEN

STURZFLUG

Die Lagunenroute hat uns aufgrund der extremen Höhe und der schlechten Piste ziemlich geschlaucht. Nach Erledigung der Grenzformalitäten geht es 2000 Höhenmeter auf asphaltierter Straße im Sturzflug 30 km hinunter nach San Pedro de Atacama. Unterwegs müssen wir auf dieser kurzen Strecke anhalten und uns umziehen. Die dicken Wintersachen, lange Hosen und Pullover, verschwinden im Schrank und endlich können sich die nackten Füße in den Sandalen wieder freuen über die warme, trockene Luft. Die kleine Wüstenstadt San Pedro in der Atacama-Wüste weckt, aufgrund ihrer unbefestigten, löchrigen Straßen, Erinnerungen an Dawson City im Yukon. Man fühlt sich hier schnell wohl. Auf dem Campingplatz Los Abuelos richten wir uns für die nächsten Tage gemütlich ein und genießen die touristische Infrastruktur ... frühstücken in unserer Lieblingsbäckerei, schlendern durch die staubigen Straßen und testen an den Abenden mit anderen Overlandern aus Deutschland die angesagtesten Kneipen. Es ist der dritte Advent und auch bei uns steigt die Vorfreude auf Weihnachten. Wir putzen und sortieren in unserem Rolling Home. Der kleine blinkende Weihnachtsbaum wird noch in der Mitte des Esstisches platziert, bevor wir uns aus dem Staub machen und für drei Wochen nach Hause fliegen.

Ende Dezember 2018 und Anfang Januar 2019

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DAS  LOCH!

Der kleine Weihnachtsbaum blinkt noch immer, als wir am 11. Januar 2019 nach 36 Stunden Reisezeit wieder in San Pedro ankommen. Schnell ist das wenige Reisegepäck verstaut. Einzig die angefutterten Kilos erinnern uns noch an die schöne, lustige Zeit zu Hause. Otto ist sofort wieder einsatzbereit und so starten wir schon zwei Tage später, fahren noch durch das nahe Valle de la Luna und dann weiter nach Calama, mit der Absicht, die größte Kupfermine der Welt zu besichtigen.

„Es gibt nur wenig Hoffnung, an der morgigen Besichtigungstour teilnehmen zu können“, erklärt uns die freundliche Dame im Büro des Minenbetreibers. Die Touren wären über Wochen ausgebucht und auch eine Warteliste gäbe es, auf der wir uns eintragen könnten, was wir auch tun. 

Ohne große Hoffnung finden wir uns trotzdem am nächsten Tag pünktlich vor Ort ein. Einzeln werden die auserwählten Teilnehmer aufgerufen mit Helm und Schutzweste ausgestattet und dürfen anschließend im bereitstehenden Bus platz nehmen. Der Busfahrer hat den Motor bereits gestartet, als plötzlich doch noch unsere Namen aufgerufen werden. Völlig überrascht schlüpfen wir schnell in die orangefarbene Montur und nehmen die beiden letzten Plätze im Bus ein.


Die Fahrt geht 15 km hinaus in die Wüste zum größten Kupfer-Tagebau der Welt. Zunächst besichtigen wir eine Geisterstadt. Bis zum Jahr 2007 wohnten hier viele tausend Minenarbeiter und ihre Familien. Wir staunen über die Komplexität dieser Stadt mit Kirche, Kinderspielplatz, Geschäften, Lokalen und Fußballstadion. All‘ das wird wahrscheinlich nicht mehr gebraucht, steht leer und verfällt. Wahnsinn!

 

Weiter geht die Fahrt und nun endlich in das größte von Menschen erschaffene Loch der Erde. 4300 Meter lang, 3000 Meter breit und 1000 Meter tief. Riesige Muldenkipper dröhnen an uns vorbei und verschwinden im aufgewirbelten Staub. Wow! Es dauert einen Moment bis das Auge das weit entfernte Gewusel von Lastwagen und Baggern in der Tiefe wahrnimmt und das Gehirn die Dimensionen einordnen kann. Wie Spielzeuge erscheinen diese Kolosse mit einem Reifendurchmesser von 4 Metern. Mit 400 Tonnen Gestein beladen, kommen unaufhörlich die Fahrzeuge nach oben. Eine nicht enden wollende Kolonne, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, erläutert unser Guide. Für die Umwelt wahrscheinlich eine Katastrophe. Erfreut hören wir, dass Ende des Jahres Schluss sein soll mit dem Tagebau ... der Kupferabbau wird dann unter Tage weitergetrieben. Ob dies der bessere Weg für die Umwelt ist, können wir nicht einschätzen.

16. Januar 2019

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PASO DE JAMA

 

Immer wieder sind es die Berge, die uns besonders anziehen. Deshalb wählen wir für die nächste Etappe Richtung Süden eine Route, die uns erneut in die Anden nach Argentinien führt. Ohne Stopp fahren wir über San Pedro de Atacama, das bereits auf 2400 Meter Höhe liegt, weiter nach oben zum Paso de Jama. Zur erneuten Höhenakklimatisierung steuern wir einen Übernachtungsplatz auf 3500 Meter Höhe an. Doch daraus wird nichts. 

 

Etwa einen Kilometer vor unserem angedachten Stellplatz steht am Straßenrand das vollbeladene Auto einer fünfköpfigen argentinischen Familie. Die Oberkörper der Männer sind tief unter der geöffneten Motorhaube verschwunden. Als wir uns der Szenerie nähern, vernehmen die Männer den kräftigen Sound eines LKW und sehen darin einen erfolgversprechenden Ansatz, ihr Problem zu lösen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was macht man in so einer Situation? Etwas Vorsicht walten lassen, aber selbstverständlich anhalten und helfen! Der Fahrer erklärt Hans, dass der Anlasser kaputt sei. Er ist sich sicher, wenn wir ihn bis ganz nach oben schleppen, kann er bergab sein Auto wieder starten und bis nach Argentinien rollen ... über hundert Kilometer, das soll glauben, wer will! Trotzdem machen wir mit. Nur Minuten später hängt der Toyota an unserer Seilwinde und hinauf geht’s, Kilometer für Kilometer. Schwarze Rauchwolken, die ich im Rückspiegel sehe, zeugen davon, das der Fahrer versucht, sich anschleppen zu lassen. Für Otto ein leichtes Spiel, das er ohne ein Ruckeln akzeptiert. Tatsächlich springt die Fuhre unterwegs an, tuckert und qualmt vor sich hin, so dass wir den Argentinier am höchsten Punkt bei etwa 4.400 Meter vom Haken lassen können. Zehn Hände winken uns zum Dank hinterher ... und was machen wir jetzt bezüglich Akklimatisierung? Entgegen unserer Vorsätze steuern wir einen Übernachtungsplatz in dieser Höhe an und setzen darauf, dass unsere Körper auch spontan in den Notlaufmodus finden. Es funktioniert. 

 

Die Nacht bleibt ruhig. Am nächsten Morgen rollen wir über die Grenze nach Argentinien. Nur wenige Kilometer weiter biegen wir von der geteerten Stecke ab auf die legendäre Ruta National 40. 
 

LEGENDÄRE RUTA 40

Die Ruta 40 ist eines der letzten Abenteuer, das man zu Fuß, auf dem Pferd, auf dem Bike oder mit dem Auto erleben kann. 5000 Kilometer von Nord nach Süd. Nicht von Ost nach West (oder umgekehrt) wie die bekannte und viel besungene nordamerikanische „Abenteuerstraße Route 66“, sondern von heiß nach kalt führt diese Straße durch Argentinien.

Besonders hier im Norden ist die Streckenführung noch sehr ursprünglich und ungeschönt. Wir erleben spektakuläre Gesteinsformationen wie das Tal der Rolling Stones und menschenleere Puna. Guanacos beäugen uns neugierig, bevor sie hinter der von uns aufgewirbelten Staubfahne verschwinden. Auf unserem Weg nach San Antonio gibt es nur vereinzelt kleine verschlafene Dörfer. Unter dem Viadukt einer alten Eisenbahnlinie mit dem Namen Tren a las Nubes (Zug in den Wolken) verbringen wir die Nacht, bevor wir am nächsten Tag über den Paso Abra del Acay und durch das Tal Quebrada de las Conchas nach Cafayate fahren und die Ruta 40 vorerst verlassen.

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MAGIE !


Unglaublich wie sich die Landschaft mit jedem Kilometer nach unten verändert. Wieder streifen wir verschiedene Klimazonen. Kurz vor Cafayate fahren wir durch einen imposanten Canyon, die Quebrada de las Conchas.


Die roten Felsen stehen in ihrer Schönheit den weltbekannten Canyons im Westen der USA in nichts nach. Zu Fuß gehen wir den kurzen Weg zu einem natürlichen, 200 Meter hohen Amphitheater. Mit uns betritt ein Mann den Innenhof. Wir beachten ihn nur wenig, so beeindruckt sind wir von dieser Umgebung. Gänsehaut pur und Ehrfurcht ergreifen uns, als er anfängt, seine Gitarre zu spielen. 

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OTTO, AB SOFORT MIT WEINKELLER

Die roten Felsen laufen aus. Die Landschaft wird wieder trocken, flach und staubig. Die ersten Weinfelder des höchstgelegenen Anbaugebietes der Welt tauchen auf. Im Restaurant Bad Brothers in Cafayate verkosten wir am Abend eine Flasche vom besten Malbec (Sunal 2015, Alto Valle Calchaquí, von Agustin Lanús, 14,9%).

 

Getreu dem Motto: „Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein“, funktioniert HJ unsere Duschkabine kurzerhand zum Weinkeller um. Wenn ich auch der Bevorratung durchaus positiv gegenüber stehe, finde ich doch den von ihm ausgewählten Platz mehr als unpassend. Schulterzuckend und schmunzelnd tröstet er mich damit, dass dieses Problem ab sofort täglich kleiner werden wird.

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SEHENSWÜRDIGKEITEN AM STRASSENRAND

Wir verlassen Cafayate auf der Ruta 40. Weit kommen wir allerdings nicht, denn eine kleine Destillerie am Straßenrand macht einen Zwischenstopp un- umgänglich. Während mir die aus Spanien kommende Judy ihre Lebensgeschichte erzählt, macht mein Fahrer an der Theke mit Fritz eine Verkostung der hochprozentigen Destillate. „Wir können weiter“, meint Hans, während sein rechtes Auge bedenklich Richtung Nase schielt.

 

Kurz erwäge ich, ob wir nicht gleich hier über Nacht stehen bleiben sollten, aber die nächsten 200 Kilometer geht’s nur geradeaus. Das kriegt er hin, mein Hans. Nach zwei Stunden Fahrt durch sengende Hitze stoppt uns wieder ein Schild im Nichts: „Pasteleria“. Eine Bäckerei im Nirgendwo und dann auch noch im genau richtigen Moment.

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VERDURSTET !

Im Nationalpark Ischigualasto reihen wir uns in den Konvoi einer geführten Tour ein. An mehreren beeindruckenden Gesteinsformationen halten wir an. Es ist so heiß in dem Tal, dass wir auf den kurzen Wanderungen in sengender Sonne fast zerfließen. Hans und ich trinken an diesem Nachmittag zusammen 6 Liter Wasser. Gegen Ende der Tour zeigt uns der Guide in einem Museum noch zwei Skelette von Dinosauriern, die hier in diesem Gebiet vor 250 Millionen Jahren lebten. Es gibt viele Theorien, warum die Dinosaurier ausstarben. Für uns steht fest, dass diese armen Viecher hier verdurstet sein müssen.   23. Januar 2019

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 FLIEGEN 

Die Anden sind bereits wieder zum Greifen nahe und bauen sich wie eine unüberwindliche Wand vor uns auf. Nur auf einer kleinen, unbefestigten Straße, dem Paso de Agua Negra geht es über die Berge nach Chile. Die Grenzkontrollpunkte liegen etwa 180 Kilometer auseinander, am Beginn des Passes im jeweiligen Land. Will man irgendwo dazwischen übernachten, so wie wir, ist dieses Vorhaben bei der Policia anzumelden, so dass keine Suchaktion gestartet wird.

 

Langsam "fliegen" wir durch das unwirkliche Bergpanorama. Auf 3900 Meter übernachten wir einsam in einer bunten Welt aus Stein und Geröll. Blauer Himmel und herrlich frische, kühle Luft wecken uns am nächsten Morgen und wir setzen die Fahrt über einen der höchsten Pässe der Welt fort. 


Als die ersten Büßer-Schneefelder auftauchen, sind wir ganz aus dem Häuschen. Diese, nur im subtropischen Hochgebirge vorkommenden, Eispyramiden entstehen durch die Erosion des Windes, kombiniert mit starker Sonneneinstrahlung und geringer Luftfeuchtigkeit.   25. und 26. Januar 2019

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 DAS BADEZIMMER

... hoppla, jetzt hätten wir fast vergessen diese kleine Geschichte festzuhalten, die wir noch auf der argentinischen Seite,  vor dem Paso de Aguas Negra, erlebten ...

 

... von der Hauptstraße biegen wir spitzwinkelig gleich hinter der Leitplanke nach rechts ab in einen unbefestigten Pfad. Gleich hinter dem ersten großen Felsen befindet sich eine freie Fläche inmitten großer Kakteen. Ein kleines weißes Auto mit chilenischem Kennzeichen parkt bereits dort. Lachend und kopfschüttelnd kommt das junge Paar auf uns zu. „Kommt ihr tatsächlich aus HOF?“ fragen sie uns. Wie sich schnell herausstellt kommen auch sie aus unserer Heimatstadt. Sie haben sich in Santiago ein Auto gekauft und fahren für mehrere Monate Richtung Norden. Unglaublich, wie klein die Welt ist!

 

Nach einem ausgiebigen Kaffeeklatsch machen Hans und ich noch eine kleine Wanderung in das nahegelegene Flusstal und entdecken das vielleicht schönste Badezimmer Südamerikas. Selbstredend, dass wir hier (alle Vier) auch noch den Abend, die Nacht und den nächsten Vormittag verbringen.   22. - 23. Januar 2019

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 OBACHD! FOHRER RED FRÄNGGISCH

Wieder ändert sich die Landschaft. Nach dem Pass biegen wir links ab ins Valle del Elqui. Mir raubt es sofort die Luft, als Hans die Autotür aufmacht, um einige Fotos zu schießen. Hier in Chile, auf 1000 Meter Höhe, ist auch die Hitze wieder da. In diesem Klima wachsen die Reben für den in ganz Chile heißgeliebten Traubenbrand Pisco. Vor allem süße Trauben, wie Muscat d’ Alexandrie und andere Moscateller, kommen zum Einsatz. Die Qualitätsstufen orientieren sich am Alkoholgehalt von 35 – 50 Vol.%

 

In Vicuña, auf dem Stellplatz des Hotels Terral, fahren wir uns förmlich fest. Wir lernen den Mittelfranken Dieter und seine aus Kolumbien stammende Frau Marsala kennen. Beide haben viele Jahre in Oregon/USA gelebt, bevor sie 2008 zu ihrer Reise nach und durch Südamerika aufgebrochen sind. Die heißen Tage verbringen wir damit, unsere Erlebnisse auszutauschen, aufzuschreiben und die Fotos dazu hoch zu laden. Die kühlen Abende genießen wir meist zu viert im nahegelegenen Biergarten einer Brauerei ganz auf fränkische Art. "Dess wor fei schee! Broosd!"
 

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Fast jeden Tag gesellt sich auch Caren zu uns. Die zarte junge Frau ist in einer tieftraurigen Lebensphase. Ihr und ihrem Lebenspartner René gehört das große Mercedes Expeditionsmobil, neben dem wir hier am Parkplatz des Terral-Hotels stehen. Erst zwei Monate ist es her, dass René mit seinem Buggy bei einer Fahrt in den Sanddünen im Norden von Chile tödlich verunglückte. Caren sucht unsere Nähe, da sie das Overlanderleben genauso liebt wie wir. Gleichzeitig leidet sie in unserer Gegenwart. Sie weiß, dass sie an einem Scheideweg steht. Wir hören ihr zu, nehmen sie in den Arm und in unsere Mitte, wohlwissend, dass wir sie nicht wirklich trösten können.   24. Jan. - 02. Feb. 2019

 STEFAN UND DAS ZEBRA



Nächster Halt: La Serena an der Pazifikküste. Wir sind mit Stefan verabredet, der auf seiner Tour noch weiter nördlich ist. Wir haben ein paar Ersatzteile für sein Zebra aus Deutschland mitgebracht. Bereits zum 10ten Mal treffen wir jetzt mit ihm zusammen. Vieles haben wir schon gemeinsam erlebt. Es fühlt sich immer gut an, ein Mitglied des harten Kerns unserer Reisefamilie wieder zu sehen. Nach zwei Tagen auf dem dortigen Campingplatz und nach der Erledigung kleinerer Reparaturen machen wir uns auf den Weg durchs Landesinnere Richtung Santiago.   03. - 05. Feb. 2019

 MAN SANTIAGO DE CHILE

“Don’t touch a running system“, ist einer der Grundsätze bezüglich unseres Fahrzeugs. Technische Probleme hatten wir bisher keine. Selbst auf 5032 Meter Höhe hat unser treuer Freund Otto zuverlässig seine Pflicht erfüllt. Dass er in extremen Höhen kräftig schwarz aus dem Auspuff gequalmt hat, führen wir auf den Sauerstoffmangel und die schlechtere Dieselqualität zurück. Also alles bestens und eigentlich kein Handlungsbedarf, wäre da nicht, so wie wir hörten, die beste MAN-Werkstatt Südamerikas hier in Santiago de Chile. Man bedenke, wenn nicht hier, dann nie!

 

Hauptsächlich Wartungsarbeiten wären es, die man, wenn auch vorzeitig, durchführen lassen könnte und so machen wir uns auf den Weg zu MAN. Das saubere Gelände mit Schrankenanlage, Videoüberwachung und Security sowie die hochmoderne Werkstatt beeindrucken uns. Auch die einheitlich gekleideten Mechaniker erscheinen uns versiert und kompetent, so dass wir unseren Grundsatz, nichts antasten zu lassen, wenn es nicht unbedingt nötig ist, dieses Mal nicht anwenden. Um es vorweg zu nehmen, es wurde alles zu unserer Zufriedenheit erledigt:

 

Motoren-Ölwechsel mit Filterwechsel

Wechsel der Dieselfilter

Wechsel der Lufttrocknerpatrone

Wechsel der Keilriemen

Kontrolle sämtlicher Getriebeöle

Wechsel der leicht beschädigten Lenkstange

Einstellung der Fahrerhaus-Kippvorrichtung

 

Zum Glück hatte Hans mit diesen Wartungsarbeiten gerechnet und die erforderlichen Ersatzteile dabei, da ansonsten nur die Filter in der Werkstatt vorrätig gewesen wären.

 

Nach 75.000 gefahrenen Kilometern überlegen wir noch, ob wir Otto „neue Schuhe“, sprich neue Reifen, spendieren sollten. 15 - 20.000 Kilometer wären noch drin, aber die vor uns liegende Reiseetappe glänzt nicht durch gute Straßen, sondern lässt steinige und auch schlammige Passagen erwarten.

 

Zum Glück haben wir noch zuhause auf das Allerweltsformat 385x65 R 22,5 umbereift, so dass uns die Beschaffung keine Probleme bereitet und wir sogar mehrere Profile zur Auswahl haben. Hans entscheidet sich für das M+S-Profil von TOYO.

 

Bei der Reifenmontage stellen wir fest, dass der Träger der Ersatzräder, den wir in El Salvador bereits provisorisch haben schweißen lassen, erneut einen Riss aufweist und sogar angebrochen ist. Da sich um die Ecke eine anständige Schlosserei befindet, gibt Hans einen komplett neuen und massiveren Träger in Auftrag.

 

Ja, und jetzt steht er wieder prächtig da, unser OTTO, auf seinen neuen TOYOs.   06. - 08. Feb. 2019

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ANTONELLA

Die Zwangspause, bis unser Träger fertig ist, nutzen wir für einen Ausflug an den Pazifik. Am Parkplatz der Aussichtspromenade von Boyeruca, südlich von Pichilemu, suchen wir einen Übernachtungsplatz (GPS S 34°41’22.80“, W 72°3’36.84“). Es ist Sonntag und die Chilenen haben große Ferien. Entsprechend groß ist der Andrang in dem Mini-Örtchen mit weitläufigem Strand. Am Mirador parken wir in zweiter Reihe und warten auf einen freien Stellplatz zum Übernachten mit Meerblick. Natürlich sind wir hier zwischen all den Pkws die Attraktion. Hans hat Gelegenheit sein mittlerweile passables Spanisch (Witz!) mit den herumstehenden, begeisterten Chilenen zu testen. 

 

In all dem Gewusel kommen zwei Kinder zu mir und machen mich auf den provisorischen Verkaufsstand ihrer Familie aufmerksam. Ich gehe mit den beiden zu ihrer Mutter, die neben dem Auto sitzt und häkelt. Die Familie kommt aus Venezuela. Dass ihre Lebensverhältnisse sehr bescheiden sind, sehe ich sofort. Deshalb macht es mir eine besondere Freude, ihnen etwas abzukaufen.


Auf dem Kofferraumdeckel ihres klapprigen Autos sitzen zwei farbenprächtige, gehäkelte Puppen. Die mit den lilanen Haaren und dem hellgrünen Kleidchen gefällt mir besonders. „Sie heißt Antonella“, erklärt mir das Mädchen und nimmt die Puppe noch einmal in den Arm. Ich erkläre ihr, dass ich sie einem Mädchen in Deutschland schenken werde. „Alemania“ wiederholt sie und richtet zum Abschied nochmal Antonella’s Frisur bevor sie mir die Puppe überreicht. Ich denke, es hat sie stolz gemacht, dass eines ihrer Kunstwerke in ein für sie unendlich weit entferntes Land verkauft wurde.   09. - 10. Feb. 2019

 

WAS GIBTS DA NICHT ZU VERSTEHEN

“Jetzt geht das schon wieder los ...”, seufzt Hans während wir auf die kleine Hütte zulaufen, in der eine Familie Strohhütte herstellt. “Hast du nicht erst vor ein paar Tagen gesagt, dass du froh bist, dass wir den Turm aus Hütten mit nach Deutschland genommen haben?“ “Ja schon“, sage ich, „aber nur, damit wir wieder Platz für Neue haben.“ 

 

Die Chupalla ist ein Strohhut, der traditionell von chilenischen Reiterhirten, den Huasos, getragen wird.

Sie werden aus Weizen- oder Reisstroh gefertigt. Ein richtiger Strohhut also, der, durch den an eine Schallplatte erinnernden breiten Rand, Eleganz und Grazie ausstrahlt. Die Strohhalme werden zu dünnen Bändern verflochten und zusammengesetzt. Daraus entsteht dann ein langer Faden, der anschließend mit der Nähmaschine in Runden zusammengenäht wird. So erklärt es uns die nette ältere Dame. 

 

Natürlich brauche ich dieses markante Teil für meine Sammlung. Hans hilft mir beim Aussuchen. Auch wenn er es nie zugeben würde, weiß ich doch, dass er meine mittlerweile ganz passable Hutsammlung toll findet.

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Zweihundert Kilometer südlich von Santiago liegt das berühmte Weinanbaugebiet Colchagua. Auf den Weingütern Viu Manent und Santa Cruz stockt Hans unseren mittlerweile stark geschrumpften Weinvorrat auf. Somit bleibt auch zukünftig die Doppelfunktion unserer Dusche als Weinkeller erhalten.
 

ZUM  WEINen

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GEFANGEN

Es fühlt sich nicht gut an, als wir durch die Schranke in das abgesperrte Gelände der einstigen Colonia Dignidad fahren. Wir haben keine Vorstellung davon, was uns hier erwartet. Die unbefestigte Straße ins Zentrum dieses Anwesens führt durch einen Wald und geht über in eine Allee aus Eichen. Unwirklich deutsch wirkt die Umgebung hier plötzlich. Vor uns liegt friedlich an den See geschmiegt ein großes weißes Haus, das Hotel Baviera, eröffnet im Jahr 2012.

 

Es ist Samstag und es herrscht reges Treiben. Hauptsächlich Familien mit Kindern bevölkern das Gelände. Meist sind es Chilenen, aber auch viele deutschstämmig aussehende Personen mittleren Alters erkennen wir dazwischen. Insgesamt wirkt die Szenerie wie ein beliebtes Ausflugslokal in Deutschland in den 60er Jahren.
 

Zwei kleine Jungs mit viel zu großen alten Fahrrädern fahren ein Wettrennen am Feldweg entlang. Als sie uns entdecken machen sie kehrt und kommen eilig, ohne Scheu, auf uns zu. Kommt ihr aus Deutschland fragt der hellblonde, blauäugige Junge mit dem karierten Hemd neugierig, während sein Freund mit dem Cowboyhut etwas weiter hinten bleibt. Einen kurzen Moment überfordert uns diese Situation. Sind wir etwa in eine Zeitreisemaschine gestiegen und im Jahr 1960 in Deutschland gelandet?
 

Die zwei fröhlichen Buben bemerken unsere Verwunderung nicht und klettern zu Hans ins Fahrerhaus. Ein freundlicher Mann, so um die fünfzig, nähert sich lachend. „Herzlich willkommen in Baviera, ich bin Jürgen, der
Fremdenführer hier, heute ist viel los bei uns“, erklärt er uns voller Stolz. „Kommt doch dann ins Restaurant, ich arbeite heute im Service mit, später, wenn es ruhiger ist, setz‘ ich mich zu euch“.

Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Der Speisesaal des Zippelhauses ist sehr gut besucht. Schweres Holzgestühl, Fahnen und bayerische Dekoration, vor allem Blechblas-Instrumente und Jagdtrophäen, fallen ins Auge. Es duftet nach Schnitzel. Auf manchen Tellern sehen wir Kartoffelsalat. Auf dem Tresen stehen mehrere Bierkrüge, gezapft vom Fass. Am Nebentisch serviert die Kellnerin Frankfurter Kranz zum Nachtisch ... und die Portionen sind üppig. Kein Wunder, dass hier Familien mit Kind und Kegel aufmarschieren.

Die führende Mannschaft auf dem Anwesen ist sichtbar deutschstämmig und wird unterstützt von chilenischen Angestellten. Typisch deutsch wird gekocht, freundlich, schnell und sauber wird gearbeitet und serviert.
„Und was sagt ihr“, fragt Jürgen im Vorbeigehen, „wie in Deutschland oder?“

Alles schmeckt köstlich, wobei wir eigentlich dachten, dass wir hier, aufgrund der schrecklichen Geschichte dieser Anlage und der traurigen Vergangenheit der hier lebenden Menschen, keinen Bissen würden runterkriegen können. „Es war ein schwieriger Weg“, erklärt uns Jürgen, der sich spät am Abend noch zu uns setzt. „Wir alle sind geschädigte von Paul Schäfer. Aber irgendwie müssen wir ja weiterleben. Die Idee ein Ausflugslokal mit Hotel aus der Anlage zu machen, hat sich bewährt. Die Chilenen genießen die Atmosphäre hier. An Wochenenden herrscht Hochbetrieb. Auch Hochzeiten richten wir aus. Morgen, Montag, ist es hier ruhig. Da nehme ich mir Zeit und gehe mit euch über die Anlage.“

Mit gemischten Gefühlen folgen wir Jürgen am nächsten Tag. Wir haben einiges gelesen über die Sekte Colonia Dignidad, die von Paul Schäfer gottgleich und gnadenlos geführt wurde, mit strenger Geschlechtertrennung, körperlicher und seelischer Gewalt sowie pädophiler Kindesmisshandlung. Sogar schlimmste Folterungen, vorgenommen von Schergen des Regimes Pinochet haben hier stattgefunden und das vor nicht all‘ zu langer Zeit (siehe „Hintergründe“). Jürgen zeigt uns das in einer Scheune errichtete Museum, mit vielen Bildern der Koloniebewohner, ihrer Herkunft und Lebensweise, er führt uns zum berüchtigten Krankenhaus, zum Waffenbunker und zeigt uns auch die garagenähnlichen Unterkeller, in denen angeblich Folterungen stattfanden.

 

Nur die freundliche, liebenswürdige Art von Jürgen lässt uns seine Ausführungen ertragen über das, was er als Kind und Jugendlicher hier erleben musste. „Alle die hier noch leben, sind Betroffene und Geschädigte, aber
wir schauen nach vorne in die Zukunft“, so Jürgen, der mit diesem Satz seine typisch deutsche Mentalität ausdrückt.

Wir wünschen den Menschen auf der Anlage „Villa Baviera“ das Allerbeste. Mögen sie die bösen Erinnerungen hinter sich lassen können, um in eine bessere Zukunft zu finden. Unser besonderer Dank gilt Jürgen. Seine bescheidene, freundliche Art, sein unbedingter Wille und fester Glaube an eine friedliche Zukunft an diesem ihm zur Heimat gewordenen Platz haben uns schwer beeindruckt.

 

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Hintergründe

Paul Schäfer, ein ehemaliger evangelischer Jugendpfleger und Laienprediger, hatte in den 1950er Jahren in Deutschland eine ganz auf ihn ausgerichtete Gemeinschaft um sich geschart. Als man ihm Kindesmissbrauch vorwarf und er von Polizei und Staatsanwaltschaft gesucht wurde, tauchte er unter und wanderte 1961 nach Chile aus. Viele seiner Anhänger folgten ihm. In Chile gründete er eine hermetisch abgeschlossene Siedlung und organisierte sie nach einem totalitären System.

Nach außen hin wurde sie als landwirtschaftliches Vorzeigeprojekt präsentiert, das den Armen der Region medizinische Versorgung und Schulbildung bietet. Schäfer leitete sie nach seinen Vorstellungen von Zucht und Ordnung mit Psychoterror, Zwang zur Beichte und der Pflicht zum absoluten Gehorsam gegenüber der Führung.


Nach dem Putsch von General Pinochet gegen die Regierung von Salvador Allende im September 1973 diente die „Kolonie der Würde“ auch als Folterzentrum der der damaligen Geheimpolizei Dina. 1976 erwähnte die UN-Menschenrechtskommission die Siedlung als Ort, in dem Kritiker der Diktatur festgehalten und gequält werden. Laut Zeugenberichten leitete Schäfer persönlich die Folterungen linksgerichteter Regimegegner ...

Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Schäfer wurde im März 2005 nach achtjähriger Flucht in Argentinien festgenommen und nach Chile ausgeliefert worden. Er war im Jahr 1996 untergetaucht.

Schäfer wurde von einem Gericht bereits 2004 in Abwesenheit für einen Teil seiner Vergehen verurteilt. Ehemalige Bewohner hatten von systematischem Kindesmissbrauch in der völlig von der Außenwelt abgeschotteten und mit Stacheldraht umzäunten Kolonie berichtet. Kinder sollen ihren Eltern teils bereits direkt nach der Geburt weggenommen worden sein. In der Siedlung, die sich mittlerweile „Villa Baviera“ nennt, leben noch etwa 300 Menschen.

 

Unterm Kreuz des Südens

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Wir machen Strecke. Nach 1000 Kilometern gen Süden verlassen wir die Autobahn kurz vor der Stadt Osorno. Die kleine Straße verläuft durch eine Landschaft, die sehr an das Mittelgebirge in Deutschland erinnert. Es verwundert daher nicht, dass sich europäische Auswanderer aus dem deutschsprachigen Raum in dieser Region Chiles niedergelassen haben. Kühe grasen auf den Weiden, die landwirtschaftlichen Anwesen lassen, wenn auch sehr in Retro-Optik, eine entfernte Verwandtschaft zu Deutschland erkennen. Eigentlich wie zuhause, wäre da nicht dieser gigantisch schöne weiße Berg, der die Szenerie überragt und alle Blicke auf sich zieht.
 

Der Vulkan Osorno ist 2.652 Meter hoch. Zu Recht gilt er mit seinen steilen Flanken als einer der schönsten Berge Südamerikas. Bei herrlichem Sonnenschein nähern wir uns am Nachmittag seinem Gipfel. Auf etwa 1500 Meter gibt es ein Refugio. Dort wollen wir übernachten. Es ist bereits 17 Uhr als wir den aus Lavageröll bestehenden Parkplatz erreichen. Die Aussichten sind spektakulär. Hinter uns der weiße Gipfel, vor uns im Tal der im Abendlicht schimmernde Lago Llanquihue.

Mit Einbruch der Dunkelheit wird es windig und empfindlich kalt. Bei einer guten Flasche Wein genießen wir den Anblick des schneebedeckten Gipfels, der sich vor dem dunklen Nachthimmel abhebt. Der Sternenhimmel leuchtet, die Milchstraße tritt deutlich hervor. Klar zu erkennen sind Sirius und Canopus, die beiden hellsten Sterne am Südhimmel, die große und kleine Magellan'sche Wolke, Alnilam mit dem Orionnebel und natürlich das Kreuz des Südens. Richtig mystisch wird die Stimmung.


Der gerade aufgehende Mond beleuchtet den Vulkan Osorno von hinten. Die wenigen Wolken am Nachthimmel werden von ihm magisch angezogen und ziehen als Schleier über seinen Gipfel. Durch das weißsilberne Gegenlicht des Mondes erscheint uns der Berg als hätte er einen Heiligenschein.

Zuhause werden wir manchmal gefragt, ob wir in unserem Auto auch einen Fernseher haben. „Ja“, sagen wir, „sogar drei, aus Glas mit einem Hebel zum Öffnen“ ... und in dieser Nacht lief der folgende Film in Überlänge ...

 

Die Musik dazu ist von Lotte Kestner, die in ihrem Song Halo beschreibt, dass sie den Heiligenschein sehen kann.
 

ZWECKENTFREMDET

Gekennzeichnet mit der Nr. 7 schlängelt sich die teilweise sehr ruppige Straße weiter Richtung Süden. Ab dem kleinen Ort Hornopierén, in dem wir zwei Tage auf die Fähre nach Caleta Gonzalo warten, trägt sie den stolzen Namen „Carretera Austral“. Diktator General Pinochet ließ diesen Abschnitt im Jahr 1979 durch den kalten Regenwald im Süden Chiles schieben, um militärisch auch in diesem entlegenen Teil Richtung Ende des Kontinents aktiv sein zu können. 

 

Heute, „zweckentfremdet“, ist es eine der Sehnsuchtsrouten, von der viele Weltenbummler träumen. An vielen Stellen ist die Carretera Austral noch recht abenteuerlich, gekennzeichnet durch nicht enden wollende Waschbrett-Wellblech-Piste, knüppelhart und steinig, dann wieder schmierig mit unzähligen tiefen, wassergefüllten Schlaglöchern. Hinzu kommt die bombierte Form der Oberfläche, also hoch zur Straßenmitte und tief zu den Straßenrändern, damit das Regenwasser schneller zur Seite ablaufen kann. Dadurch sind diese sehr weich, obwohl man es ihnen gar nicht ansieht. Fahrfehler, kleine Ausweichmanöver bei Gegenverkehr, werden oft böse bestraft.

 

Wir sind vorgewarnt. In Cusco sprachen wir mit einem Traveller aus England, dessen LKW beim Anhalten am Fahrbahnrand plötzlich auf der rechten Seite einsackte und umkippte. Mit einem Schaudern erinnern wir uns an Fotos und Schilderungen von der schwierigen, mehrtägigen Bergeaktion seines Expeditionsmobils. 

Die Landschaft verzaubert. Von der klaren, kühlen Luft erfrischt und belebt wandern wir durch den Pumalin Nationalpark. Diese Art von Regenwald, wie wir ihn aus zentralamerikanischen Ländern, mit schwülwarmen Temperaturen kennen, haben wir auf diesem Breitengrad nicht erwartet. Der Aufstieg zum Vulkan El Chaiten steht an und ist eigentlich gar nicht lange, nur die 700 Höhenmeter mit unzähligen holzbeplankten Stufen sind müßig. An die Aussichten dort oben erinnert uns tags darauf böser Muskelkater.

 

Etwas weiter südlich auf der Strecke übernachten wir direkt an einem pazifischen Fjord. Während ich auf einem Baumstamm am Ufer sitze und meinen Morgenkaffee trinke, ziehen weit draußen Delfine vorbei. Deutlich kann ich ihre Freudensprünge sehen. Nicht nur wir genießen das Reisen ...
 

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ABWARTEN UND TEE TRINKEN 

     ... MIT BIER , WEIN UND JÄGERMEISTER GEHT'S AUCH!

Die ganze nächste Woche ist Regen angesagt. Also erklären wir die nächsten Tage zu „Office Days“, wozu wir allerdings ein anständiges WiFi-Netz brauchen, was in Patagonien schon eine gehobene Anforderung für einen Stellplatz ist. Wenn dieser auch noch landschaftlich ansprechend gelegen und einen Laundry-Service bieten würde, wären wir glücklich. 
 

Die App iOverlander hilft hier schnell weiter. Der kleine Campingplatz „Las Torres del Simpson“ in der Nähe von Coyhaique wird unsere nächste Station. Mit unseren Hausaufgaben kommen wir dank des wirklich guten WiFi zügig voran. Die Abende verbringen wir mit anderen Reisenden in der zum Campingplatz gehörenden Gemeinschaftshütte. Nacho, der quirlige Besitzer der Anlage, kümmert sich rührend um das Wohlbefinden seiner doch sehr unterschiedlichen Gäste. 

 

Mehrere andere Traveller, Reisende mit Mietmobilen und Radfahrer mit Zelten, richten sich auf dem kleinen Wiesengrundstück ein. Jeder Neuankömmling erhält eine interessante Einweisung in die Zeremonie des Matetee-Trinkens. Auf Wunsch richtet Nacho und seine Frau auch Grillabende aus. Ganz besonders genießen dann alle Anwesenden das Lagerfeuer in der Mitte der Hütte, wobei Nacho auch zur Gitarre greift und seine Gaucho-Lieder zum Besten gibt.

 

Es herrscht ein reges Kommen und Gehen. So ziehen unsere neuen Reisefreunde Ulrike und Horst aus der Nähe von Wien (... die mit dem roten Kanister am Dach!), mit denen wir viele interessante Gespräche führen konnten und gleichermaßen lustige Stunden verbrachten, weiter Richtung Norden und am späten Nachmittag trudelt tatsächlich wieder unser Stefan mit seinem Zebra ein. 

Nach fünf Tagen nutzen wir das zwischenzeitlich bessere Wetter für die Weiterfahrt. Noch verhüllen dicke Wolken die Berglandschaften um uns, doch wie von Geisterhand lüftet sich der weiße Schleier und wir bekommen den wie ein Märchenschloss wirkenden Berg Cerro Torres doch noch zu sehen.   (26. Febr. bis 02. März 2019)

 

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DAS GESCHENK!

Mein Geburtstag in diesem Jahr war so abwechslungsreich und außergewöhnlich schön, dass gar nicht alles in einen Tag passte. So begann er in diesem Jahr bereits am Nachmittag des Vortages.

Unser Ottomobil parkte am Minihafen im Abseits der Touristenroute gelegenen Porto Sanchez am Lago General. Nachos, vom Camp „Torres del Simpson“, gab uns den Tipp, den Ausflug in die Marmorhöhlen des Sees von hieraus zu unternehmen. Dazu braucht es allerdings gutes Wetter.Doch die erneut schlechte Wetterphase hielt weiter an. Regen prasselte aufs Dach und der böige Wind ließ unser Schneckenhaus ordentlich schaukeln. Morgen erst sollte es besser werden.


„Was ist los mit dir“, frage ich Hans, der gedankenverloren aus dem Fenster auf die raue See schaut. „Ich hab‘ kein Geschenk für dich“, sagt er traurig. „Macht doch nichts, ich brauch‘ kein Geschenk, es gibt nichts, was ich mir wünsche“, erwidere ich ehrlich. Nach einer weiteren Stunde Aus-dem-Fenster-Schauen springt er auf und ist plötzlich voller Tatendrang. „Ich hab’s ...“, meint er, verschwindet tief in Otto‘s Bauch und nur wenig später befördert er eine längst vergessene Klebefolie zu Tage.

Eben diese Folie hatte ich von einem Heimaturlaub mitgebracht, um eine freie, noch verschönerungsbedürftige Wand in unserer kleinen Küche zu bekleben. Als ich sie Hans damals in die Hand drückte, sagte er nur, dass ich das schnell vergessen könnte und dass es eine Sch....-Arbeit wäre, so eine Folie anzubringen. Daraufhin hatte er die Rolle ganz schnell verschwinden lassen.

Freudestrahlend und begeistert von seiner Idee, aus eben dieser Folie ein Geburtstagsgeschenk für mich zu machen, rollt er das von mir angedachte Gemüse auf dem Tisch aus. Er legt Metermaß, Stifte und Skalpell bereit und geht ans Werk. Sehr lange hält seine Begeisterung allerdings nicht an. Als das obere Viertel mit den Tomaten an der Wand klebt, kommt Hektik auf, denn die störrische Folie ist auch um Ecken, Kanten und diverse Schalter zurecht zu schneiden. Spätestens jetzt habe auch ich begriffen, wie schwierig es ist, eine höllisch klebende Folie faltenfrei auf eine Wand zu bringen. Ich bereue zutiefst, so eine „Sträflingsarbeit“ angedacht zu haben.

Aber Hans lässt nicht locker und nach Stunden der Mühe ziert einwunderschönes Gemüseregal unsere vorher leere Küchenwand. Was für ein herrliches Geburtstagsgeschenk. Wieviel Liebe er mit reingepackt hat, kann ich an einer klitzekleinen Falte im Paprikafach erkennen.   (04. bis 07. März 2019)

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ZEITLOS ... SCHÖN!

Wenn man nach einer Woche Regen morgens aufwacht und der Himmel herrlich blau ist, fühlt sich allein das schon an, als hätte man Geburtstag. Als ich dann bereits vor dem Zähneputzen die Türe unseres Wohnmobils öffne und wie verzaubert auf den von weißen Schneebergen umgebenen Lago General blicke, ist mir vollkommen egal, dass ich heute wieder ein Jahr älter werde. Als sich dann auch noch ein liebevoll improvisierter Geburtstagskuchen und ein „neues Gemüseregal“ in mein Blickfeld schiebt, fasse ich den Entschluss, das Altern ab sofort aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Nicht ich bin ..., sondern ich habe ... schon 53 wunderschöne Jahre erleben dürfen; 32 Jahre davon gemeinsam mit Hans. Diese Betrachtungsweise macht mich zutiefst zufrieden, dankbar und unendlich glücklich.

Während wir uns nach dem lustigen Frühstück dicke Klamotten anziehen, klopft es schon an der Tür. 
Roberto, unser Skipper, den wir für eine Bootstour über den See engagiert haben, und seine Frau halten schon die Schwimmwesten für uns in den Händen. „Seid ihr bereit, wir können auslaufen, das Wetter ist heute perfekt für eine Fahrt über den See zu den Marmor-Höhlen (Catedral de Marmol)“, rufen sie.


Das kräftige Türkis des Sees, die verwunschenen, mystischen Marmorhöhlen, durch die wir lautlos gleiten, berühren mich gerade heute an meinem Geburtstag ganz besonders. Jahrtausende waren notwendig, um dieses Meisterwerk zu erschaffen.

Zeitlos schön  ...  das wünsch' ich mir auch .

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GLÜCK

Was für ein Erlebnis! Nach dem Ausflug in die Marmorhöhlen fahren wir weiter entlang des großen Sees. Die Ausblicke sind überwältigend. Die vergletscherten Gipfel der umliegenden Berge kommen immer näher. Hier muss er sein, der höchste Berg im chilenischen Patagonien. Aber welcher der vielen Gipfel ist „Monte San Valentin?
 

Ich bin noch nicht einmal dazu gekommen, mich darüber zu wundern, dass Hans heute keine Koordinaten für den nächsten Übernachtungsplatz einfordert, da sind wir schon am Ziel. „Endstation“, sagt er und biegt ein auf den Parkplatz eines Hostels in der kleinen Ortschaft Puerto Guadal. „Wir machen noch eine kleine Wanderung“, kommt schon die nächste Ansage. So marschieren wir an diesem Abend noch weit aus der Stadt zu einem Hotelrestaurant, das man in dieser Abgeschiedenheit kaum vermutet. Stefan aus Holland und seine chilenische Frau Carolina, denen die Anlage gehört, begrüßen uns und gratulieren mir herzlich zum Geburtstag. 

 

Im Abendlicht verschwimmen am Horizont die weißen Gipfel. Mit einem Glas Prosecco in der Hand stehen wir auf der Terrasse. „Ein traumhafter Sonnenuntergang, ich liebe diesen Ausblick“, schwärmt Stefan. Mit dem Finger zeigt er auf einen imposanten, leuchtend weißen Berg mit Doppelgipfel, genau gegenüber. „Das ist Monte San Valentin, der höchste Berg in Patagonien. Viele Reisende bekommen ihn überhaupt nicht zu sehen. Ihr beide habt richtig Glück.“
 

„Ja“, denke ich und wische mir mit der Serviette ein paar Tränchen fort.Bei einem schönen Abendessen lassen wir diesen Tag ausklingen und freuen uns auf die hoffentlich vielen schönen Tage, die noch folgen mögen.
 

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Auf der Carretera Austral geht unsere Reise weiter. Die weißen Gipfel der Anden, die hier aus dem nördlichen patagonischen Eisfeld herausragen, begleiten uns. Wir folgen dem Verlauf des Rio Baker. Er entspringt aus dem Lago Bertrand, der wiederum vom abfließenden Wasser des Lago General Carrera gespeist wird. 

 

Es bestanden Pläne der Elektrizitätsgesellschaft ENDESA (Chile), in Patagonien, auch am Rio Baker, das Projekt HidroAysén zu verwirklichen, was bedeutet hätte, dass riesige Wasserkraftwerke errichtet worden wären. Die Investitionskosten wurden auf 3,2 Milliarden US-Dollar geschätzt, womit es das größte Energieversorgungsprojekt in der chilenischen Geschichte gewesen wäre. Das Projekt hätte angeblich 20% des Energiebedarfs Chiles gedeckt. Der Strom sollte mittels Hochspannungsleitung nach Santiago de Chile und zu den Bergwerken im Norden Chiles geleitet werden.
 

Das Projekt war immer umstritten. Anwohner und Umwelt-Aktivisten, allen voran Douglas Tompkins (siehe Artikel: „Das Erbe des Douglas Tompkins), setzten alle Hebel in Bewegung und brachten das Vorhaben zum Scheitern. Auch wir können nicht nachvollziehen, warum Strom aus Wasserkraft ganz aus dem Süden Chiles über tausende von Kilometern in den Norden transportiert werden sollte, noch dazu in Regionen wie Santiago oder gar in die Bergwerksgebiete der Atacama-Wüste, wo riesige, brachliegende Flächen für Sonnen- und Windenergie nutzbar gemacht werden könnten.

 

Ohne Zweifel ist der Rio Baker einer der schönsten Flüsse, die wir je gesehen haben. Gewaltig, aber freundlich, strömt sein kräftig blaues Wasser durch die Landschaft. Lange sitzen wir an den Stromschnellen am Zusammenfluss des Rio Baker mit dem grünen Rio Nef und bewundern das daraus entstehende, leuchtende Türkis, wie wir es bisher nur aus Kindermalbüchern kannten. Weil wir uns gerade keinen schöneren Platz vorstellen können, beschließen wir, oben am Canyonrand, hoch über dem Fluß, zu übernachten.
 

WASSERFARBEN

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Eine Liebesgeschichte am Rio Baker

Wir sind nicht alleine. Nur unweit unseres herrlich romantischen Stellplatzes steht ein blauer VW-Bus aus Kanada. Die beiden Traveller haben gerade alle Hände voll zu tun. Steve schraubt am Auto und Jenny hat heute große Wäsche. Wir verabreden uns auf ein Bier zum Sonnenuntergang.
 

Ich muß einfach immer wieder zu den beiden rüber schielen. Ihre Art zu reisen ist so viel einfacher als die unsere. Es erinnert mich an die ersten Reisen, die Hans-Jürgen und ich in den 80er Jahren unternahmen. Auch nur mit Rucksack und Zelt, später dann mit Auto und Zelt. Alles hat eben seine Zeit.
 

Nur zu gut weiß ich noch, wie es sich anfühlt, wenn man als Paar zur ersten großen Reise antritt. Wie jeder in seine Rolle finden muss und wie man als Team zusammenwächst oder im ungünstigen Fall sehr schnell feststellt, dass man nicht zusammenpasst.
 

Fröhlich strahlend kommen sie etwas später gemeinsam zu uns. Wir genießen einen wunderbar farbenprächtigen Sonnenuntergang. Auf die Frage nach dem woher und wohin erzählen sie uns ihre Geschichte. Jenny kommt aus Kamloops in Canada. Auf einer Europareise vor zwei Jahren lernte sie Steve in einem Pub in England kennen. Aus der kurzen Begegnung wurde schnell mehr. Den nächsten Urlaub besuchte Steve Jenny in Kamloops. Vier Wochen Kanada reichten ihm, um zu wissen, dass er das Risiko eingehen kann, seinen gut bezahlten Job als Ingenieur bei Land Rover zu kündigen und nach Kanada auszuwandern. Nur ein Jahr später heirateten die beiden und kauften sich den blauen Bus. Jetzt machen sie erst einmal eine lange Hochzeitsreise, ... Honeymoon! 

 

Der Rio Baker wäre für sie ein ganz besonderes Zwischenziel, erzählen die beiden weiter. Schon zu Beginn ihrer Reise hätten sie sich vorgenommen, seinem Verlauf zu folgen und ihn bis zur Mündung in den Pazifik bei Caleta Tortel zu begleiten. Warum sie sich ausgerechnet diesen Fluss ausgesucht hätten, will ich wissen, und Jenny erklärt es ganz einfach, weil wir beide den gleichen Namen tragen, also Mr. und Mrs. Baker heißen. „Ooooh, ich liebe diese Geschichten, die das wahre Leben schreibt.“
 

DAS ERBE DES DOUGLAS TOMPKINS

Hier in Patagonien taucht ein Name immer wieder auf: Douglas Tompkins. Als junger Mann trampte er erstmals durch Patagonien im südlichen Chile. Seine Lebensgeschichte liest sich wie ein spannender Roman. Kaum zu glauben, dass so viele außergewöhnliche Leistungen und Erfolge in einem Menschenleben unterzubringen sind.

 

Douglas „Dough“ Tompkins gründete 1963 eine Bergsportschule und verkaufte Ausrüstung für Bergsteiger. 1966 gründete er mit seiner ersten Frau Susie das Unternehmen „THE NORTH FACE“, fertigte Bergsteiger- und Campingausrüstung und setzte neue Qualitätsmaßstäbe für Outdoor-Ausrüstung. Wenige Jahre später verkaufte er seine North-Face-Anteile und widmete sich der Herstellung von Natur- und Abenteuerfilmen als auch dem Verkauf von zum Teil selbstgenähten Bekleidungsstücken. Daraus entwickelte sich einige Jahre später die internationale Marke ESPRIT. Tompkins entwickelte mit den Jahren ein starkes ökologisches Bewusstsein und auch eine sehr kritische Einstellung gegenüber der Textilindustrie. Er verkaufte im Jahr 1989 seine Esprit-Anteile an seine Frau, von der er sich getrennt hatte, für 250 Millionen Dollar und zog nach Chile. (Quelle: Wikipedia)

Dort erwarb er in Patagonien (südliches Chile und Argentinien), Gebiete und Ländereien in der Größenordnung von zunächst 3.000 Quadratkilometern und später sogar 10.000 Quadratkilometern, um Nationalparks zu schaffen. So kam Douglas Tompkins im Jahr 1995 gemeinsam mit seiner zweiten Frau Kristine McDivitt auch ins Chacabuco-Tal und sie wollten weiterhin in den Erhalt der Natur Patagoniens investieren. Die beiden Öko-Philanthropen beschlossen, eine große unrentable Schaffarm aufzukaufen. Anschließend veräußerten sie die 25.000 Schafe und 3.800 Rinder, ließen Zäune einreißen und das überweidete Tal renaturieren. Auch veranlassten sie, dass der Puma nicht mehr bejagt, sondern unter Schutz und Beobachtung gestellt wurde. So entstand das 81.000 Hektar große private Reservat: der Patagonia-Park. 

 

Von der Carretera Austral biegen wir auf die schmale unscheinbare Nebenstraße ein, die durch den gesamten Park bis an die argentinische Grenze führt. Erst seit Oktober 2014 ist dieser Park offiziell für Touristen geöffnet. Im Nationalpark gibt es mehr als 110 Kilometer Wanderwege, Zeltplätze und eine moderne Luxus-Lodge mit Gourmet-Restaurant. Statt Schafen sieht man heute vor allem Guanakos auf beiden Seiten der Straße grasen. Mehr als 2.500 der grazilen Tiere leben im Park. Mancherorts ist es schwierig, ein Foto ohne sie zu machen. Auch seltene Südandenhirsche kommen wieder vermehrt im Chacabuco-Tal vor. Ebenso die straußenähnlichen Nandus sowie Kleinfleckkatzen, Kondore, Flamingos und Pumas gibt es hier.

 

Mit ihren umfangreichen Landkäufen schufen sich die Tompkins allerdings nicht nur Freunde, sondern auch skeptische Widersacher. Immer wieder wurden den beiden US-Amerikanern private und auch politische Interessen unterstellt. Doch durch Landspenden zurück an den Staat, unter gewissen Auflagen, bewiesen sie immer wieder, dass es ihnen tatsächlich und ausschließlich um den Schutz der Natur geht. 

Im Dezember 2015 kam „Dough“ Tompkins auf dem Lago General ums Leben. Der erfahrene Kajakfahrer war mit fünf anderen Sportlern auf dem großen See unterwegs, als plötzlich starker Wind einsetzte und hohe Wellen aufkamen, die sein Boot zum Kentern brachten. Nach Angaben des chilenischen Militärs rettete ein Patrouillenboot und ein Hubschrauber die Kajakfahrer aus dem Wasser. Douglas Tompkins verstarb jedoch kurz darauf im Krankenhaus von Coyhaique an Unterkühlung. Auf dem kleinen Friedhof im Patagonia-Park in der Nähe der Patagonia-Logde wurde er begraben. Er wurde 72 Jahre alt.

 

In einem seiner letzten Interviews mit dem amerikanischen Magazin Outside sagte er: "Ich weiß, dass nicht jeder meine Mittel hat, aber ich sage, das macht nichts, unternimm’ etwas nach deinen Möglichkeiten, du wirst es als lohnenswert und wertvoll empfinden und bezahlst damit die Miete für dein Leben auf diesem Planeten. Tu‘ es einfach!“

 

Seit dem Tod ihres Mannes verwaltet seine Frau Kris die Tompkinsprojekte in Patagonien. Sie arbeitet als Umweltaktivistin weiterhin an deren gemeinsamer Vision: der Natur Orte zurückzugeben, an denen sie wieder Natur sein können. (Quelle: NZZ)

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DAS NICHTS 

Die Ruta 40 in Patagonien führt hunderte von Kilometern durch die Pampa. Ich habe die Beschreibung dieser Landstriche sehr genau im Ohr ... „da ist nichts, nur die Straße, die sich meistens geradeaus durch die endlos erscheinende Landschaft zieht.“
 

Seit Tagen und vielen Stunden fahren auch wir jetzt durch dieses „Nichts“ in Argentinien. Je länger wir unterwegs sind, um so mehr wundern mich jetzt diese Beschreibungen, denn ich sehe so viel hier im Nichts. Der sich dauernd veränderte Straßenzustand; die schwammigen und matschigen Passagen, die sich mit besten Asphaltabschnitten abwechseln; die ocker und silbern schimmernden Grasbüschel, die im Wind tanzen; das sich andauernd verändernde Wolkenspiel am Himmel; die kleinen Guanakoherden, die bei jedem sich nähernden Fahrzeug nach rechts oder links galoppieren und lässig über den allgegenwärtigen Zaun springen ... und die graziösen, scheuen Nandus, die, sobald wir uns nähern, wie von der Tarantel gestochen, die Flucht suchen. 

 

Unglaublich, wie diese straußenähnlichen Vögel ihren Lauf beschleunigen können. Bis zu fünfzig Stundenkilometer erreichen sie im Spurt. Ich werde nicht müde, sie mit den Augen zu verfolgen, bevor ihre Gestalten vom Hintergrund der Steppe verschluckt werden. Überhaupt sind es die Farben der Steppe, die dem Auge so gut tun und die aufgewühlten Gemüter zur Ruhe kommen lassen. Wir genießen dieses Nichts. Ausgerechnet hier im Nichts fühlen wir das Abenteuer, in dem wir uns befinden, wieder sehr intensiv.

Kleine Ortschaften, bestehend aus wenigen Häusern mit Tankstelle, gibt es nur alle paar hundert Kilometer. In Bajo Caracoles übernachten wir auf dem Grundstück des Dorfarztes. Der vermeintliche Campingplatz ist eine Mischung aus Schrottplatz, Mülldeponie und überdachter Grillecke. Im Reiseführer heißt es, dass das Dorf nichts Sehenswertes zu bieten hat. Gibt man sich allerdings diesem hier über Jahrzehnte natürlich gewachsenem Retrocharming hin, finden sich Fotomotive ohne Ende. Mit dem entsprechenden Filter, den wir über die geschossenen Fotos legen, kann man das empfundene Feeling hier auf der legendären Ruta 40 durch Argentinien sichtbar machen.

 

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DER UMWEG



„Ihr müsst unbedingt zu den HÄNDEN fahren“, mahnt uns der geschäftstüchtige, schwergewichtige Besitzer der kleinen Raststätte, zu der auch eine Bar mit Restaurant und Hotel sowie eine Tankstelle mit zwei umfangreich beklebten Zapfsäulen gehört. „ ... sind nur etwa 70 Kilometer von hier, die Gravelroad nach Osten; auf dem Rückweg kommt ihr wieder hierher, dann trinken wir noch einen Mate-Tee, bevor ihr weiter nach Süden fahrt.“

 

Irgendwie hat er uns wohl ins Herz geschlossen ... und wir ihn auch. Bei ihm gibt es alles was man braucht. Zigaretten, Kuchen, Getränke, Kinderspielzeug, Schraubenschlüssel, Messer, Macheten, Stromgeneratoren und Stihl-Motorsägen und das alles auf 30 Quadratmetern. Selbstverständlich tauscht er auch unsere US-Dollars gegen argentinische Pesos, natürlich zu einem nicht ganz uneigennützigen Kurs, aber wir sind froh, etwas Landeswährung in der Tasche zu haben.

 

Eigentlich haben wir diesen Umweg zu den HÄNDEN nicht vor. Da wir unseren neuen Freund nicht enttäuschen wollen und auch weil seine Art, uns auf die Sehenswürdigkeit hinzuweisen, keinen Widerspruch duldet, machen wir uns auf den Weg zu den 9000 Jahre alten Wandmalereien in der Cueva de las Manos („Höhle der Hände“). Die dortige Besichtigung führt uns entlang am Canyon des Rio Pinturas zu Höhlen, deren Wände über und über mit Handbildern in den Farben rot, schwarz, weiß und gelb bemalt sind. Vereinzelt sind auch die Abbildungen von Guanakos, Nandus, Raubkatzen und verschiedene geometrische Formen zu erkennen. Wahrscheinlich wurden diese Handmalereien mittels aus Knochen geformten Röhrchen geschaffen, womit die Farbe über die eigene (linke) Hand gesprüht wurde. Diese Werkzeuge aus Knochen, so wurde errechnet, stammen aus der Zeit um 7.000 bis 1.000 vor Christus und die damit angefertigten Malereien gehören somit zu den ältesten von Menschenhand geschaffenen Werken Südamerikas. Im Jahr 1999 erhob die UNESCO die Cueva de las Manos zum Weltkulturerbe.


 

 

Ja, alles schön. Landschaft schön, Hände schön, die besondere Begeisterung bezüglich der Felsmalereien hält sich in Grenzen. So trinken wir noch einen Kaffee und machen uns bald wieder auf den Rückweg. Recht gemächlich schaukeln wir über die Schotterpiste als vor uns ein bisher noch nicht gesehenes Tier erscheint.
 

Wie aus einem Mund rufen wir uns zu: „Das ist ein Puma!“ Ruhig und grazil kommt das wunderschöne Tier auf uns zu und im Fahrerhaus wird es hektisch. „Gib‘ mir die Kamera!“ flüstert Hans aufgeregt ohne den Blick nach vorne zu verlieren. Mist! Jetzt bin ich dran, da mir die Aufgabe der Kamera-Assistentin zukommt. Da wir gerade erst losgefahren sind, bin ich mit der Arbeitsvorbereitung hinterher und der Kamerarucksack steht noch verschlossen im Fußraum. Aufgeregt, schnell und um Geräuschlosigkeit bemüht, wuchte ich das Equipment an den angestammten Platz. Hans schnappt sich das Tele und steigt langsam aus.

 

Der Puma verharrt jetzt in der Bewegung und beäugt das mutige Verhalten seines Gegenüber. So gelingt es, einige Fotos zu schießen. Kurz darauf taucht der muskulöse Körper, der sich farblich exakt der Umgebung anpasst, wieder in der Steppe unter und verschwindet aus unserem Sichtbereich. Staunend schauen wir uns an und atmen tief durch.

 

Zwei Stunden später sitzen wir mit dem Dicken von der Tankstelle zusammen beim Mate-Tee und erzählen ihm vom Puma. Ungläubig schüttelt er den Kopf. Bei der Verabschiedung fragt er noch, wie uns denn die HÄNDE gefallen hätten? Welche HÄNDE ???

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EISZEIT

In den südpatagonischen Anden befindet sich das größte Gletschergebiet außerhalb der Pole. Das „Campo de Hielo Sur“ vereint etwa 48 größere und viele kleinere Gletscher zu einer Eisfläche von 360 Kilometer Länge und 30 bis 40 Kilometer Breite, bei einer Dicke der Eisschicht von mehr als 1.000 Metern. Diese Eismasse gilt als eines der größten Süßwasserreservoirs der Welt. 85% davon gehören zu Chile und 15% zu Argentinien. Der bekannteste Gletscher dieser gigantischen Eisfläche ist der „Glaciar Perito Moreno“.

 

Ausgangpunkt für die Besichtigung des Perito Moreno ist das kleine, touristisch geprägte Örtchen El Calafate mit etwas über 20.000 Einwohner und einer wunderschönen Lage direkt am Lago Argentino. Hier treffen sich alle Nationen und von hier aus macht man sich auf den Weg, um den berühmten Gletscher mit seiner hellblauen Wand zu bestaunen. Mit einem Donnergrollen werden wir empfangen am Parkplatz des Nationalparks „Los Glaciares“, zunächst nicht wissend, dass dieses nicht von einem Gewitter, sondern von der abbrechenden Eismasse herrührt. Als wir uns aber der Gletscherwand nähern, wird es eindeutig. Immer wieder brechen große Eisbrocken unter lautem Krachen aus der Steilwand heraus, stürzen in den türkisfarbenen See und verursachen einen beachtlichen Wellengang. Dann setzt wieder Ruhe ein, gefolgt von immer stärker werdendem Knistern und Knacken, bis das nächste Stück polternd herausbricht. Ein sich immer wiederholender Vorgang, den wir an zwei Tagen verfolgen, bevor wir wieder in El Calafate eintreffen und uns den vielfältigen Produkten der dortigen Brauereischänke „Zorra“ widmen. Mindestens zehn frisch gezapfte Biere, Ales, Stouts und Pales erfordern einen längerfristigen Aufenthalt. Salud! (HJ)

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LEICHENSCHMAUS

Die Straße vom Gletscher zurück nach El Calafate führt kilometerlang an einer mit Stacheldraht eingezäunten Weide entlang. Beschaulich grasen Schafe und Kühe nebeneinander. Ein Bild, das man häufig in Patagonien sieht. Doch plötzlich erscheint uns etwas ungewohnt, kreisen doch zahlreiche große Vögel weit oben am Himmel. Wir verlangsamen unsere Fahrt und parken am Straßenrand. Mit dem Fernglas erkennen wir schnell, dass es Kondore sind und wir verfolgen ihren Flug. Einige der riesigen Vögel lassen sich absinken und landen schließlich mit imposanten Flügelschlägen mitten zwischen den Schafen und Kühen auf der Weide. 

 

Erst jetzt erkennen wir den Anlass dieses Spektakels. In etwa einem Kilometer Entfernung liegt der Kadaver einer toten Kuh. Die Geier haben zum Leichenschmaus geladen und versammeln sich. Noch beobachten wir das Schauspiel mit dem Fernglas. Hans ist ganz nervös, weil er mit der Kamera auf diese Distanz nichts ausrichten kann. Nach 20 Minuten schnappt er seine Kamera mit dem großen Teleobjektiv, steigt aus dem Auto aus, klettert über den Stacheldrahtzaun und marschiert durch das hohe Gras hin zum Geschehen.

 

Die weidenden Tiere bleiben unbeeindruckt und lassen sich nicht durch seine Anwesenheit stören. Aber was machen die Geier? Ich richte das Fernglas wieder auf den toten Kadaver. Mittlerweile haben sich über 20 Kondore eingefunden. Im Vordergrund marschiert Hans. Mächtig, mit den ausgebreiteten Schwingen, segeln sie über ihn hinweg. Immer näher tastet er sich heran. Irgendwann nimmt ihn einer der Vögel war und
schlägt Alarm. Mit lautem Gezeter erheben sie sich schwerfällig und ungern von ihrer Beute. Aus und vorbei ist die coolste Fotosession, die ich je beobachtet habe! Die Kondore haben sich buchstäblich vom Acker gemacht. Ohne ihr Festmahl aus den Augen zu verlieren, lassen sie sich von ihren gigantischen Schwingen in große Höhe tragen. Auch Hans tritt jetzt den Rückzug an. Immer wieder dreht er sich dabei um. Durchs Fernglas kann ich sehen, wie er übers ganze Gesicht strahlt und ungläubig über das eben Erlebte den Kopf schüttelt. Als er den Zaun wieder erreicht hat, lassen sich schon die ersten Geier erneut vom Himmel fallen.

TRÄUME NICHT DEIN
LEBEN, LEBE DEINEN 
TRAUM

Für uns beide sind die monumentalen Felsnadeln des Monte Fitz Roy und des Cerro Torre Sinnbild für unseren langgehegten Traum dieser Reise. Dementsprechend intensiv sind unsere Gefühle, als wir jetzt, nach fast dreijähriger Reisezeit, auf die Straße nach El Chaltén einbiegen.

Für diesen Moment haben wir extra eine Schönwetterphase abgepasst. Tatsächlich können wir jetzt zusehen, wie sich die letzten Wolken verziehen. Viele Bilder haben wir von diesem Gebirgsmassiv bereits gesehen und auch etliche Vorträge darüber besucht, aber die Realität stellt alles in den Schatten. Wohlwissend, dass unsere Reise hier nicht zu Ende ist, fühlt es sich an, als würden wir das Ziel erreichen. Wir denken dabei an den oft zitierten Satz: „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum!“ 

CERRO TORRE

FITZ ROY

Am nächsten Morgen strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel und wir machen uns auf den Weg zur Lagune am Fuße des Cerro Tore. Meist wandern wir schweigend durch die atemberaubende Kulisse und kommen dabei der berühmten Felsnadel immer näher. Ein ganz besonderes Glücksgefühl umhüllt uns. Schließlich sitzen wir da, staunen, genießen den Ausblick ... und vergessen beinahe unsere Brotzeit auszupacken. Erst drei Stunden später machen wir uns auf den zehn Kilometer langen Rückweg nach El Chaltén, einem kleinen aufstrebenden Örtchen, das erst im Jahr 1985 gegründet wurde, um Gebietsansprüche Argentiniens zu untermauern und Grenzverläufe zu Chile zu festigen. 

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                 Cerro Torre -

Nicht den Hauch einer Chance

 

Im Jahr 2009, als 19-Jähriger gilt der mehrfache Europa- und Jugendweltmeister David Lama als Wunderkind der Kletterszene. Kletterhallen sind sein Revier, Erfahrung in den Bergen hat er jedoch wenig. Trotzdem setzt er sich in den Kopf, den sagenumwobenen Cerro Torre, einen der schönsten und schwierigsten Berge der Welt, als erster Mensch frei (ohne Seile, Haken und Sicherungen) zu klettern. Noch nie ist es einem Kletterer gelungen, diese „Nadel aus Granit“ in der Traumlandschaft Patagoniens im Freikletterstil zu bewältigen – es gilt als völlig unmöglich. Doch der Traum platzt und der erste Versuch endet im Desaster. David und sein Partner sind dem Berg und den Tücken des Wetters nicht gewachsen. Häme und Spott brechen über ihn und sein Team herein. Davon lassen sie sich jedoch nicht unterkriegen, und drei Jahre später (2012) nehmen sie die gewaltige Steilwand erneut in Angriff. 

 

Im Dokumentarfilm Cerro Torre - Nicht den Hauch einer Chance (2014) erlebt der Zuschauer eindringlich das Wesen des bizarren Cerro Torre.

Zu unserem großen Entsetzen ist David Lama in diesen Tagen (16./17. April 2019), zusammen mit zwei weiteren erfahrenen Bergsteigern, im Banff-Nationalpark (Kanada) bei einem Lawinenabgang ums Leben gekommen.

Zum Fitz Roy

 

Das Bergmassiv um den Fitz Roy steht unter permanentem Einfluss einer Wetterfront, die ihren Ursprung im dahinter beginnenden Inlandeis hat. Die dort entstehenden Wolkenmassen sorgen oft dafür, dass der höchste Berg im Süden Patagoniens unsichtbar, weil wolkenverhangen ist. Auch die Wetterlage am Fitz Roy gilt als unberechenbar. 
 

Wir haben Glück. Auch am zweiten Morgen in El Chaltén lacht die Sonne und dazu ist es windstill. Wir starten erneut zu einer zwanzig Kilometer langen Wanderung. Natürlich ist der Fitz Roy unser Ziel, zumindest der Mirador (Aussichtspunkt), von dem man einen wunderbaren Blick auf ihn hat. Wir wollen ihm einfach näherkommen. Der Weg ist nicht besonders anspruchsvoll, führt jedoch ständig bergauf. Jetzt, Ende März, ist Nachsaison, nur wenige Wanderer sind unterwegs. Bessere Voraussetzungen gibt es dieser Region nur ganz selten. 

 

Empfehlung von Hans: Im Anschluss an die Wanderung ist die kleine Brauerei (Microbrewery) „La Cerveceria Chaltén“ (Straße San Martin 320) eine gute Wahl. Drei selbstgebraute Biere (Pils, Bock und Weizen) überzeugen so manchen Gipfelstürmer.

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„Da müsst ihr hoch ... !“

Es ist der dritte Tag in Folge an dem wir uns auf den Weg machen. Heute wollen wir es wissen.
Die türkisfarbene Laguna de los Tres am Fuße des Fitz Roy ist unser nächstes Ziel. Unser Reisefreund Stefan hat uns besonders diese als anstrengend geltende Tour ans Herz gelegt.

12 Kilometer mit 515 Höhenmetern sind zu gehen, hin und dann wieder zurück. Zunächst verläuft der Wanderpfad etwa zehn Kilometer gemächlich bergan, aber dann folgen weitere zwei Kilometer, auf denen nochmal 450 Höhenmeter in engen Serpentinen über ein Geröllfeld zu überwinden sind.

„Ihr werdet mich hassen dafür, dass ich euch darauf geschickt habe, aber ich bin mir sicher, dass alle Strapazen in den Hintergrund treten, wenn ihr am Fuße dieses außergewöhnlichen Berges steht“, so höre ich noch Stefans Stimme in seiner Sprachnachricht, die er uns Tage zuvor hat zukommen lassen.

 

Ich lege den Kopf in den Nacken und blicke vor dem Anstieg nach oben. Hans habe ich schon mal vorausgeschickt. Hier muss jeder seine eigene Geschwindigkeit gehen. 1,2,3,4,5 ... zähle ich meine Schritte. Nach jeweils 50 Schritten mache ich eine kleine Pause. Ich würde umkehren, wenn ich nicht wüsste, dass mich da oben etwas Besonderes erwartet. Eine Stunde hat Stefan gesagt ... nach 40 Minuten habe ich nicht einmal die Hälfte geschafft. Mir wird klar, was er gemeint hat, als er uns diese Tour ans Herz legte. Mittlerweile ist der direkt vor mir liegende Mount Fitz Roy gänzlich hinter dem steilen Geröllfeld verschwunden. Nun sind es nur noch Stefans Worte, die mich anspornen: „...ihr müsst da hoch!“ 

 

Irgendwann komme auch ich tatsächlich an der Laguna de los Tres an. Wortlos lasse ich mich neben Hans nieder und wir betrachten die Spiegelung des Berges im Wasser des Sees. Es bedarf keiner weiteren Worte, denn jeder kann auf den Fotos sehen, dass Stefan recht hatte.
 

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 HEY DU, ... !

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Nur unweit von Camarones erstreckt sich eine Halbinsel ins Meer, auf der eine Kolonie Magellan-Pinguine den kurzen patagonischen Sommer nützt, um zu brüten und den geschlüpften Nachwuchs großzuziehen. Wir sind spät dran, denn mittlerweile ist es hier Herbst und weiter südlich sind die Pinguine bereits ins Meer zurückgekehrt.


Hier allerdings sind die flugunfähigen Vögel noch vor Ort, so erfahren wir es in der Bäckerei des kleinen Ortes.
Das Ranger-Häuschen am Eingang zum Nationalpark ist umbesetzt und so fahren wir weiter bis zum Ende der Straße, von wo ein Steg aus Gitterrostplatten durch die Kolonie führt.

 

Total verzückt stehe ich da. Heute sehe ich zum ersten Mal im Leben Pinguine in freier Wildbahn. Am Strand hat sich eine Gruppe versammelt. Der Anblick der niedlichen Gesellen berührt mich und ich muss richtig laut lachen. Daraufhin beobachte ich, wie sich einer der Pinguine aus der Gruppe löst und auf mich zu kommt:

„Hey du, ... sagt er zu mir leicht außer Atem. Wenn du auch nur die geringste Ahnung von uns und eine Vorstellung von unserem harten Leben hättest, würdest du jetzt nicht lachen“, ermahnt er mich inständig und schaut mir tief in die Augen. Sofort merke ich, dass es ihm ernst ist. „Wir haben anstrengende Wochen hinter uns. Im Oktober sind wir hier in unser Brutgebiet gekommen. Jedes Jahr beziehen wir, immer mit derselben Partnerin, immer dieselbe Höhle. Hier brüten wir und ziehen den Nachwuchs groß, bis er allein ins Meer geschickt werden kann. Dann folgt für uns Altvögel die Mauser, in der wir uns gerade befinden. Du siehst ja, wie zerzaust wir aussehen. 20 Tage dauert das und in dieser Zeit hungern wir, denn es ist uns nicht möglich, nach Nahrung im Meer zu suchen. Wir sind alle sehr geschwächt. Manche von uns haben den kräftezehrenden Prozess bereits überstanden, andere jedoch befinden sich noch mitten im Federwechsel. In nur wenigen Tagen werden wir alle gemeinsam unserem Nachwuchs folgen und ins Meer zurückkehren. Wir sind vielleicht kleiner als du, aber bestimmt wesentlich belastbarer. Deshalb bitte Respekt, auch im Namen meiner Artgenossen.“


Puuh, das war eine Standpauke. Langsam verneige ich mich vor dem mutigen Kerl und beuge mich hinunter zu ihm. „Danke, dass du mir eure Geschichte erzählt hast“, sage ich anerkennend und aufrichtig. 
 

DU BIST EIN HELD!

Bei weiterhin strahlendem Sonnenschein fällt es uns schwer El Chaltén den Rücken zu kehren. Das Wetter soll jedoch umschlagen und wir müssen noch zweihundert Kilometer Gravelroad fahren, bevor wir quer, von West nach Ost, über den südlichen Zipfel von Südamerika den Atlantik erreichen. Bei Nässe weichen die Pisten schnell auf und werden zum reinsten Schlamassel für Mensch und Fahrzeug. Das wollen wir vermeiden. Außerdem wollen wir uns wieder mit Stefan treffen, der zwischenzeitlich am Fin del Mundo (Ende der Welt) in Ushuaia war und auf der Ruta 3 Richtung Norden unterwegs ist.
 

Aufgrund der guten Wetterbedingungen erreichen wir die Ruta 3 schneller als gedacht und tingeln an der Küste langsam nach Norden. Es ist schwierig, Kontakt mit ihm zu halten. Mal haben wir keine Verbindung und mal er keinen Empfang. Wir sitzen im kleinen Straßen-Café im Städtchen Camarones und überlegen, was wir tun können, um uns nicht zu verpassen ...  da taucht plötzlich am Horizont ein schwarz-weiß-gestreifter Punkt auf, das Zebra. Unglaublich, dass wir uns, ohne einen Treffpunkt abzusprechen, gefunden haben. „Ich bin gefahren was die Kiste hergibt, um euch noch einzuholen“, sagt er und strahlt übers ganze Gesicht. Wir freuen uns wahnsinnig, trinken Kaffee und suchen uns dann ein schönes Plätzchen am Meer.

Und Stefan überrascht uns weiter: „Heute koche ich für euch ein kleines Menü. Ich habe Sekt besorgt, damit wir nachträglich darauf anstoßen können, dass ich mit meinem Zebra Ushuaia erreicht habe“. Er duldet keinen Widerspruch und beschlagnahmt unsere Küche. Wir haben nicht das geringste einzuwenden und lassen uns von ihm verwöhnen. Eine lange Reise liegt hinter ihm. Nicht immer führte sein Weg nur geradeaus. Wir sind richtig stolz auf ihn. Immerhin treffen wir uns auf dieser Tour bereits zum 13. Mal. 
 

Stefans Erlebnisse sind auf seinem Reiseblog unter „www.planr.org“ zu verfolgen.

MITTENDRIN

Der schöne Herbst geht zu Ende. Auf der Südhalbkugel wird es jetzt langsam Winter. Wir wollen diese Zeit für einen Heimaturlaub nutzen und den Sommer zu Hause verbringen. In Uruguay ist es problemlos möglich, unseren treuen Freund OTTO bis Mitte Oktober einzustellen. Bis Montevideo allerdings liegen noch über 2000 km vor uns. Bevor wir richtig Fahrt aufnehmen, machen wir jedoch noch einen Abstecher auf die Halbinsel Valdez. Um diese Jahreszeit besteht eine gute Chance, Killerwale bei der Jagd nach jungen Seelöwen zu beobachten. Die junge Rangerin am Parkeingang erzählt uns von guten Chancen, da die Flut gegenwärtig gegen 12 Uhr mittags ihren Höhepunkt erreicht. Trotzdem machen wir uns mit nur wenig Hoffnung auf den Weg zum bestgeeignetsten Aussichtspunkt.

Orcas leben in festen Familienverbänden, in sog. „Pods“, zusammen. Mehrere verwandte Pods bilden einen Clan und diese Clans entwickeln eigene Dialekte und eigene Jagdtechniken. Die Methoden, mit der diese Tiere jagen, sind weltweit sehr verschieden. Die Jagdtechniken der Orcas an der Atlantikküste vor Argentinien sind jedoch absolut einzigartig, denn auf der Valdez Peninsula lassen sich Orcas mit der Brandungswelle stranden, um junge Seelöwen aufzuscheuchen und zu jagen. Anschließend lassen sie sich von den Welle, zurück ins Meer ziehen. Nirgendwo sonst auf der Welt wurde diese Technik je beobachtet. Nur mit viel Glück und Geduld kann dieses Schauspiel zwischen Februar und Mai beobachtet werden.

Hans holt unsere Stühle aus dem Auto und wir stellen uns auf einen langdauernden Beobachtungsprozess ein. Mit dem Fernglaus schauen wir auf‘s Meer. Schon drei Stunden glasen wir den langen Küstenabschnitt ab. Vor uns spielen große Gruppen von Seelöwen wild durcheinander. Der Tisch für Orcas wäre also reichlich gedeckt, aber alles bleibt friedlich, von Killerwalen keine Spur.


„Ich komme mir echt albern vor,“ sage ich zu Hans. „Glaubst du allen Ernstes, dass ausgerechnet heute die Orcas kommen und sich hier vor uns an den Strand werfen?“ Während Hans die Küste nicht aus den Augen lässt, zuhause ist er ja selbst Jäger, beobachte ich die touristische Konkurrenz. Mit einem Park-Ranger macht sich gerade eine Gruppe professioneller Fotographen (mit besonders langen und schweren Teleobjektiven) auf den Weg und bewegt sich in tiefer Gangart den Strand entlang. Etwa 800 Meter weiter, in einem, für Amateure wie uns, gesperrtem Strandabschnitt bringen sie sich in Position. „Vergiss es, das wird hier nix für uns,“ schimpf‘ ich und deute auf die „over-equipte“ Truppe.

Ich bin gerade dabei, unsere Sachen zusammenzupacken, als Hans die Orcas im Wasser ausmacht. Tatsächlich, wie große Haifischflossen ragen die schwarzen Finnen aus dem Wasser. Überraschung, Erstaunen und Entsetzen ergreifen uns. Unglaublich ... und die Robbenjäger kommen immer näher. Jetzt sind sie an die Stelle wo die Profis ihre Kameras schussbereit aufgestellt haben. Dort allerdings ziehen sie vorbei und nehmen Kurs auf den Strandabschnitt vor uns.


Längst sitzen wir nicht mehr auf den mitgebrachten Stühlen. Voller Entsetzen und fassungslos beobachten wir die Szenerie. „Wieviele sind es?“ Drei, vier, fünf ... direkt vor uns am Strand herrscht Amokstimmung. Die erwachsenen Seelöwen versuchen ihre Jungen aus dem Wasser ans vermeintlich rettende Ufer zu bringen. Vergeblich ... wir werden Augenzeugen der unerbittlichen Jagd der Killerwale. Immer wieder starten sie ihre Angriffe, lassen sich mit den Wellen ans Ufer, direkt auf den Strand vor uns, spülen. Stocksteif vor Schreck beobachten wir das beeindruckende und doch grausame Geschehen in unmittelbarer Nähe ... und beinahe hätten wir vergessen, Fotos zu schießen. 

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ANGEKOMMEN

Von Buenos Aires aus fliegen wir weiter nach Süden, ans Ende der Welt. Während des dreistündigen Fluges sehen wir unter uns weder Land noch Wasser, nur dicke, flauschige Wolken. Wir sind unserem Ziel schon ziemlich nahe, als die Wolkendecke aufreißt und den Blick auf Feuerland freigibt. Die zumeist unbewaldete Landschaft und die vielen Vulkangipfel, jeweils mit kleiner Schneekappe, erinnert an Island. Die Magellan-Straße und der Beagle-Kanal leuchten in kräftigem Blau.

 

Aufgrund der starken Windböen landet unser Flugzeug recht ruppig am Flughafen der kleinen Stadt Ushuaia. Recht zügig kommt unser Gepäck und wir verlassen das Gebäude. Wow ... was für ein Anblick! Die kühle, frische Luft tut unglaublich gut und die Sonne lacht uns entgegen. Vom ersten Moment an fühlen wir uns wohl. Auf der kurzen Strecke zu unserer Unterkunft erklärt uns Diego, der Taxifahrer, auch gleich die markante Bergwelt um Ushuaia. "Dort seht ihr den höchsten Berg hier, den Monte Olivia, und rechts daneben, der mit den fünf Spitzen, heißt Cinco Hermanos (Fünf Brüder)."

 

Wir stellen nur das Gepäck im Apartment ab (Drake Departamentos, Av. San Martin 1225) und machen uns auf den Weg, das Örtchen zu erkunden. Viele nette kleine Kneipen und schöne Geschäfte reihen sich in der Avenida San Martin aneinander. Der weißblaue Himmel lässt alles erleuchten. Die Luft ist so klar, dass ich mit den Fingern meine Brille abtaste, um zu prüfen, ob die Gläser noch drin sind. Zwischen den Häuserzeilen kann man den Hafen mit den riesigen Kreuzfahrtschiffen sehen, die diesen Ort am Ende der Welt (Fin del Mundo) regelmäßig anfahren.

 

Ein Gefühl des Angekommenseins macht sich breit und eine Welle der Emotionen überrollt uns. Es gibt keine Worte, die unsere Gefühle ausdrücken könnten. Nach, auf den Tag genau dreieinhalb Jahren, stehen wir hier an den verschiedenen Wahrzeichen von Ushuaia ... und damit am Ende unserer Reise ... von Alaska nach Feuerland. (27. Dezember 2019)

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Mit unserem kleinen Leihwagen fahren wir von Ushuaia die Staubstraße hinaus Richtung Nationalpark. Hier muss er sein, der südlichste Golfplatz der Welt. Und tatsächlich sehen wir rechts des Weges, Hang abwärts, an einem kleinen Fluss, einige Grüns mit Flaggenstock.

 

Zurückhaltend und dennoch voller Erwartung betreten wir das kleine Clubhaus. Wir haben ja kein Equipment dabei. Unsere eigene Golfausrüstung befindet sich in unserem Wohnmobil und das ist bereits auf dem Weg nach Südafrika. Ob wir trotzdem eine Runde spielen können?

 

Für Guillermo, dem dortigen Manager, ist das überhaupt kein Problem. "Wir haben alles was du brauchst", meint er, holt einen Trolley mit Bag und Schlägern, drückt mir ein paar Bälle und Tees in die Hand und wünscht "Schönes Spiel!"

 

Ich blicke auf die Score-Karte und mache mich kundig. Beim "El Ushuaia Golf Course" handelt es sich um einen Neun-Loch-Platz, den man zweimal von andersfarbigen Abschlägen spielt. Es ist ein naturbelassener, der rauhen Umgebung entsprechender Platz. Der Kurs führt entlang eines sich durch das Gelände schlängelnden Baches, der mehrfach gequert werden muss. Höhenmeter müssen, mit Ausnahme eines erhöhten Abschlages auf Bahn 8/17, einem Par 5, nicht bewältigt werden. Teilweise versperren hohe Bäume die Sicht zum Grün und müssen überspielt werden. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie er sich bei hiesigem Standardwetter, also starkem Wind und peitschendem Regen, spielt. Heute aber ist Sonnenschein angesagt. Die Grüns rollen überraschend gut und zielgerecht, was beim ersten Blick gar nicht so den Eindruck machte. Ich spiele meine beste Runde auf diesem Breitengrad und erhalte noch dazu ein eindrucksvolles Zertifikat. Wir belohnen uns im Clubhaus mit Café con Leche und einem sehr empfehlenswerten Käsekuchen. (HJ, 03. Januar 2020)
 

MEINE BESTE RUNDE



"Schreibt mir mal eine Postkarte von ganz weit weg," sagte unser Freund und Nachbar Wolfgang zu uns, kurz bevor wir 2016 zu dieser Reise aufbrachen.

Hier, am sogenannten Ende der Welt, wollen wir diesen Auftrag ausführen und standesgemäß zelebrieren. „Hast du den Kugelschreiber und die Karte eingepackt?“ fragt Hans als wir uns bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg machen.„Natürlich, was denkst du denn, immer mit Profis arbeiten“, antworte ich ihm gutgelaunt. 

 

Zunächst bringt uns ein Kleinbus auf einer sehr staubigen Rüttelpiste in den Nationalpark Tierra del Fuego (Feuerland). Im Westen ragen die letzten Gebirgszüge der Anden empor und immer wieder ergeben sich herrliche Ausblicke auf die Berge und zum Meer. Wir laufen gezielt den Küstenwanderweg entlang, etwa acht Kilometer, immer auf unseren Auftrag bedacht. Es ist schon später Nachmittag als wir das kleine Postamt (End-of-the-World-Post-Office) erreichen, das sich malerisch auf einem Steg befindet, der hinaus ins Meer ragt. Was für ein würdiger Ort, um Wolfgang endlich die versprochene Postkarte "von ganz weit weg" zu schreiben. Stempel drauf. Auftrag ausgeführt!

AB DIE POST

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